Ein Leben ohne Ballast- Vanlife als Lebensmodel

Ein Leben ohne Ballast- Vanlife als Lebensmodel

Vanlife ist nicht nur ein Lebensstil. Es ist eine Lebenseinstellung.

Das heißt auch, bewusst leben. Sich von allem lösen, was man nicht braucht und das Leben führen, das man wirklich möchte. Mit dem Menschen, der einem das Gefühl von Heimat gibt. Egal wo man gerade ist.

Zum Beispiel irgendwo in Europa. Unterwegs in einem Van, der gerade mal neun Quadratmeter groß ist. Inklusive Bad, Küche und Büro. Klingt ziemlich eng? Dann teilt das noch mal durch zwei.

Genau so leben Kathi Lanz und Paul Hübner, beide 30 Jahre alt. “Vanlife”, also das Leben in ihrem umgebauten Transporter, ist bei ihnen nicht nur Urlaub. Es ist ihr Alltag. Seit fast zwei Jahren wohnen und arbeiten sie in ihrem Van, den sie Bjørn getauft haben. Klingt zunächst sehr beengt.

Doch jedes Mal, wenn sie die Türe öffnen, dann ist da nichts als grenzenlose Freiheit. Sie sind mitten drin im Leben. Einem Leben, von dem viele nur träumen.

Direkt vor der Türe schneebedeckte Berge oder sonnige Traumstrände. Naturbelassene Wälder oder traumhafte Seelandschaften. Mit Bjørn bereisen sie ganz Europa, leben mal hier, mal da.

 

Kathi und Paul strahlen eine unglaubliche Zufriedenheit und Lässigkeit aus, wenn man ihnen begegnet. Ich habe sie vergangenes Jahr in Südtirol zu einem Fernsehinterview getroffen und schon damals einen kleinen Einblick in ihr bewegtes Leben bekommen.

 

Van Live
Interview mit Paul Hübner vor Traumkulisse in Südtirol

Einerseits ein sehr reduziertes Leben auf extrem begrenztem Platz. Doch gleichzeitig die Freiheit, zu tun und zu lassen, was sie möchten. Ihre Tage selbst zu planen. Zu gehen, wohin sie möchten. Und was sie zunächst gar nicht zu hoffen gewagt hätten: gleichzeitig auch noch Karriere zu machen. Als “Vannomaden- Bureau Creative” leiten sie mittlerweile eine sehr erfolgreiche Online Grafik-Agentur. Sie arbeiten von unterwegs und können sich vor Anfragen kaum retten. Kathi und Paul sind das, was man wohl moderne Nomaden nennen würde. Und extrem sympathische noch dazu.

Selbstfindung durch Vanlife
Kathi Hübner und Paul Lanz

 

DER BEGINN

Ihr altes Leben in Stuttgart war “solide”. Beide hatten sichere Jobs in der Werbebranche, getrennte Wohnungen, Familie und Freunde. Aber das Lebensgefühl stimmte einfach nicht. Das Leben, das sie führten, fühlte sich immer mehr nach Hamsterrad an. Der Wunsch nach Freiheit, reisen, neuen Eindrücken wird schließlich so groß, dass sie nach knapp einem Jahr Beziehung alles stehen und liegen lassen. Sie verkaufen ihr gesamtes Hab und Gut und machen sich auf die Reise. Bepackt nur mit dem Nötigsten.

Eine Reise, die zunächst wie ein großes Risiko erscheint. Doch es wird die Reise ihres Lebens.

Dreizehn Länder haben sie bisher schon bereist, haben faszinierende Landschaften, Berge, Fjorde und Seen entdeckt, waren in Norwegen, Dänemark und Frankreich. Anfangs nie länger als 5 Tage an einem Ort. Wo sie sich gerade befinden, kann man online auf ihrer Webseite oder ihrem Instagram-Account @vannomaden genau verfolgen. Aktuell sind sie gerade in Finnland.

 

Frau Kakao:

Es ist fast ein Jahr her, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben. Mittlerweile seid ihr knapp zwei Jahre mit leichtem Gepäck unterwegs. Wie schafft ihr das, mit so wenig auszukommen?

Paul:

Wir haben sogar noch mal ausgemistet!  Alles, was wir selten benutzen, musste weg. Irgendwie ist unbewusst durch diesen Lebensstil auch ein Faible für Minimalismus entstanden. Es wird immer weniger, im Vergleich  zu früher, wo man Zeug angehäuft hat. Ich finde es auch sehr befreiend. Es tut mir gut wenig zu besitzen. Ich habe nur einen beschränkten Besitz, den ich aber auch rege nutze. Ich finde es gut zu wissen, dass alles was man hat, auch genutzt wird

Kathi:

Wir achten drauf, dass alles, was man hat, auch leicht ist. Wir müssen ein bisschen haushalten, aber man kommt erstaunlicherweise mit so wenig Sachen aus und hat komischerweise trotzdem noch Sachen dabei, die man gar nicht benutzt. Viele Bücher oder Spikes für den Winter haben wir gar nicht benutzt. Wir hatten einen Solarkoffer, haben aber festgestellt, dass wir so wenig Energie verbrauchen, dass wir den Solarkoffer so selten benutzt haben, dass wir ihn ausgemistet haben.

 

DIE TÄGLICHEN HERAUSGORDERUNGEN:

Abwasser und Müll werden gesammelt und an dafür vorgesehenen Sammelstellen entsorgt und nicht etwa in der Natur. Diese überall zu finden, ist manchmal eine Herausforderung. Genauso wie immer neue, Stellplätze, Waschsalons und Wasserversorgung. Auch mit Strom müssen die beiden sparsam umgehen. Der kommt beispielsweise von zwei großen Batterien, die sich während der Fahrt aufladen. Kühlschrank, Herd und Heizung werden mit Gas betrieben.

Frau Kakao:

Immer auf Reisen, ständig neue Orte. Was vermisst ihr am meisten?

Paul:

Freunde und Familie besuchen wir regelmäßig oder sie uns. Aber was uns fehlt, ist Routine. Wir sind rastos geworden und es fehlt uns, irgendwohin “zurückzukommen”. Man hat immer den Druck, die freien Tage füllen zu müssen, einen neuen Platz zu finden. Wir haben gemerkt: Grenzenlose Freiheit ist auch Druck.

Wir haben uns selbst unter Druck gesetzt, alle Tage so zu füllen, dass man auch glücklich ist. Nichtstun wurde unmöglich. Das hat uns ziemlich gestresst.

Langeweile gehört eben auch zum glücklich sein. Diese Erkenntnis war ein sehr emotionaler Moment. Wir haben gemerkt “wow, was ist los?” und es hat bei beiden “klick” gemacht, gleichzeitig. Die Erkenntnis hat uns voll befreit.

Kathi:

Es ist, wie wenn du am Bahnhof auf deinen Anschlusszug wartest. Dann bummelst du etwas rum.

Aber wenn das ständig ist, bist du immer auf dem Umsteigegleis. Weder richtig in dem Abenteuer davor, noch in dem danach so richtig.

Paul:

Also denken wir jetzt, statt dessen, in Touren. Dazwischen bleiben wir dann irgendwo für 1-2 Monate, zum Beispiel bei der Familie. Es ist wie in einem Buch. Da gibt es Intro, Hauptteil und Ende. Wir waren immer im Hauptteil, nie länger als fünf Tage an einem Ort. So hatten wir nie Zeit, zu reflektieren und runterzukommen.

Kathi:

Statt einer nie enden wollenden Reise, haben wir jetzt mehrere kleine Trips, die jeweils ein Ende haben. Vorher hatte man hat das Gefühl, man hat eine Verpflichtung gegenüber sich selbst, etwas unternehmen zu MÜSSEN. Weil man eben im Van lebt. Man hängt nicht einfach auf der Couch ab wie früher. Das zu erkennen und uns was zu überlegen, hat uns sehr geholfen und uns weitergebracht.

Die Vorzüge des Van Life

Was ist euer Zwischenfazit nach fast zwei Jahren Van Life?

Kathi:

Europa ist großartig. Es war eine gute Entscheidung, es in Europa zu machen. Easy über Grenzen fahren. Manchmal mehrere Länder an einem Tag. Zum Beispiel über Deutschland, Österreich und Italien nach Slownien.

Paul:

Ich bin total happy, dass wir es gemacht haben. Es haben sich so viele Türen geöffnet. Es ist so intensiv für uns. Wir sind erst 613 Tage unterwegs, aber es kommt mir viel länger vor, weil so unfassbar viel pasiert ist.

Kathi:

Es war total angereichert mit Menschen, die man trifft und Sachen, die man erlebt, dass man ein ganz anderes Zeitgefühl hat.

Frau Kakao:

Ist das nicht auch unglaublich anstrengend, ständig mit dem Partner auf so engem Raum zusammen zu sein?

Kathi:

Streitthemen sind immer ähnliche aber es ist normal, dass man nicht immer einer Meinung ist oder mal genervt. Aber man weiß inzwischen, wie der andere tickt. Wir sind organisatorisch einfach unterschiedlich. Einer ist überlegt und kontrolliert, der andere chaotisch und spontaner. Da muss ein Kompromiss gefunden werden.

Paul:

Man tritt sich hier eben, auch wortwörtlich, mal auf die Füße. Da macht man Fehler, die man bereut, wird mal grantig ohne Grund. Wie in jeder Beziehung. Relativ normal. Ich finde, man muss sich in einer Beziehung auch mal streiten und Konflikte austragen können.

Frau Kakao:

Bei unserem ersten Treffen vor einem Jahr, brachte Paul es ganz schön auf den Punkt und sagte,

“Man kann halt keine Türen knallen. Man geht bei einem Streit eben raus. Aber nach einer halben Stunde wird’s kalt! Dann ist der Streit schnell beendet”.

Hat also auch für Paare einige Vorteile dieses Leben. 🙂 Aber mal im Ernst, wie hat sich eure Beziehung mittlerweile durch das Vanlife verändert?

Kathi:

Ich finde, man hat sich viel mehr kennenlernen können. Wir sind Reisepartner, berufliche Partner, Sportpartner. Es war sehr vielschichtig und interessant so viele verschiede Momente zu teilen und immer mehr Vertrauen schöpfen zu können.

Paul:

Wir sind bald drei Jahre zusammen im April. Es klingt kitschig aber ich sehe gar kein Leben mehr ohne Kathi.

Kathi:

Ooooh, das hat er noch nie gesagt!

Van Life- Van Love

Frau Kakao:

Könnt ihr Euch überhaupt noch vorstellen, wieder richtig sesshaft zu werden?

Paul:

Ganz sesshaft ist schwierig. Wir träumen von mehreren Häusern an verschieden Plätzen. Aber unter Vorbehalt, weil ich nicht weiß, was passiert, wenn mal Kinder kommen. Kinder wollen wir in einem Umfeld aufziehen, wo sie Gewohnheiten und Freunde haben.

Kathi:

Darum wollen wir jetzt reisen und wollen irgenwann mal wieder irgendwo wohnen. Wir wollen ans Meer zum Surfen, in die Kälte zum Snowboarden. Wir hätten gerne ein Haus am Strand und eine Hütte in den Bergen. Da müssen wir aber noch ein bisschen mehr arbeiten.

Frau Kakao:

Was hat Euch diese Reise, dieses Leben, das ihr gerade führt, besonders gelehrt?

Paul:

Wir sind vor allem sehr dankbar für diese Zeit in unserem Leben! Und was mich überrascht hat:

Es heißt ja immer “nutze den Tag!”. Doch wenn man wirklich versucht, jeden Tag zu nutzen und immer voll auszukosten, kann das auch unglaublich stressig sein.

Man muss nicht jeden Tag “nutzen”. Manchmal muss man auch einfach NICHTS tun.

 

 

Vielen Dank an Kathi Lanz und Paul Hübner für das tolle Interview! Es war mir eine Freude, Euch zu treffen.

 

 



5 thoughts on “Ein Leben ohne Ballast- Vanlife als Lebensmodel”

  • Ganz toller Bericht😍ich finde es gut,das nicht nur positiv berichtet wird von den beiden von dem Vanleben.Das Hamsterrad oder auch nur den normalen Alltag zu verlassen finde ich toll und für jeden der das Abenteuer wagt habe ich den größten Respekt,auch das sie während dessen noch arbeiten ist super.Ich freue mich sehr für die beiden👍

  • Tolles Interview….und so eine spannende Reise. Ich bewundere ja so etwas….mir fehlt der Mut dazu. Ich find es toll, solche Erfahrungen zu sammeln…und sich selbst dabei noch mal ganz anders zu erfahren. ❤

    • Wäre ich jünger und hätte keine schulpflichtigen Kinder, könnte ich mir das für eine begrenzte Zeit auch vorstellen. Aber Du hast Recht. Dazu gehört echt Mumm 🙂

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