Heute bin ich ein Schmetterling- geboren im falschen Körper

Heute bin ich ein Schmetterling- geboren im falschen Körper

Foto: Daniel Kondratiuk/ Koblenz

 

Sie ist jemand, der auffällt. Sie hat Kurven und lange, weich fallende,  braune Haare. Sie schreitet durch den Raum, ist eine Frau, die Blicke auf sich zieht.

Frau war sie schon immer. Doch geboren wurde sie in einem männlichen Körper.

 

Transidentität oder auch Transgender

Heute gilt es sogar irgendwie als “hip”. Zumindest für die Anderen. Die Werbebranche hat Trans-Models inzwischen für sich entdeckt. Doch für die Menschen, die es sich nicht ausgesucht haben, so zu fühlen, ist es alles andere als ein Trend.

Als ich im Internet das erste Mal auf Mademoiselle Nicolette stoße, stecke ich sie instinktiv in eine Schublade. Stark geschminkt, sexy Posen, lasziver Blick. Ganz anders eben, als die Frauen, die ich normalerweise gut finde. Ich klicke einfach weiter und denke nicht mehr an sie. Kurze Zeit später werde ich erneut auf ihr Profil bei Instagram aufmerksam gemacht. Durch eine Freundin, der es anfangs genauso ging wie mir. Diesmal schaue ich mir diese Frau genauer an. Ich schaue ihre Videos an, höre ihr zu. Sie ist laut und verdammt witzig und ihre Erzählungen nicht immer ganz jugendfrei. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund.

Und doch sehe ich jetzt auch etwas anderes. Sie zeigt sich ungeschminkt, verletzlich und doch so positiv, dass ich sie einfach nur umarmen möchte. Ich schäme mich für meine Vorurteile und nehme mir vor, in Zukunft genauer hinzusehen. Und genau das macht sie aus.

Sie reißt die Schubladen aus den Köpfen der Menschen, leert sie aus und befüllt sie neu. Mit Liebe, Toleranz und Akzeptanz.

Mademoiselle Nicolette ist ein Internet-Phänomen. Sie hat in diesem Augenblick über 34.000 Follower auf Instagram, täglich kommen Hunderte, manchmal Tausende dazu. Doch wer ist diese Frau, die so viele fesselt, dass sie ihr täglich zuhören?

Ich durfte sie vor zwei Wochen persönlich in Düsseldorf treffen.

Wir treffen uns in der Bar des Hotel Friends. Überall gemütliche Samtsofas, weinrote Tapeten und mittendrin: Nicolette. Sie ist eine Erscheinung. Sie steht auf und begrüßt mich sofort mit einer dicken Umarmung. Viel kleiner, als ich erwartet hätte. Nur knapp 1,66 Meter groß. Und sie wirkt fast verletzlich und doch gleichzeitig stark. Ihre Stimme ist ruhig und angenehm. Auf ihrem Arm sehe ich die Tätowierung eines Schmetterlings. Und sie hat nicht nur eine, sie hat viele davon auf ihrem Körper verteilt. Und darunter eine Raupe. Als Erinnerung daran, wer sie mal war.

 

Das Interview

Ich frage mich, wie sie selbst sich wohl heute beschreiben würde…

Nicolette:

Ich bin eine so gut wie dreißig jährige Frau, resolut und patent. Ich bin sehr selbstsicher. Unverblümt authentisch, mit ganz viel Empathie.

Doch das war nicht immer so. Nicolette, die eigentlich im Körper eines Jungen geboren wurde, hat einen  langen, steinigen Weg hinter sich.

Nicolette:

Ich bin, Gott sei Dank, in eine glückliche Kindheit reingeboren. Und eigentlich war ich auch sehr glücklich als Kind. Ich sage “eigentlich”. Bis nämlich die Erwachsenen kamen und mir sagten: „Du bist nicht richtig, so wie du bist“. Das hat sich im Kindesalter manifestiert. Das ist nicht gesund, sowas einem Kind zu sagen .

Ich hatte seither immer im Kopf, “so wie du bist, bist du nicht gut”. 

Das Gefühl, dass der Körper nicht zur eigenen Wahrnehmung passt, entwickelte sich schon sehr früh. Doch wann wird das einem Kind tatsächlich bewusst? 

Nicolette:

Ich bin mir nicht sicher, ob ein Kind von sich aus, in frühem Alter, so mit drei oder vier Jahren weiß, ob es Junge oder Mädchen ist. Kinder sind Kinder. Ein Kind macht sich nichts draus, ob es mit einem Auto oder einer Puppe spielt. Irgendwann kommt ein Erwachsener und sagt, “aber du musst mit dem Auto oder der Puppe spielen” oder “es ist nicht gut, dass du bei Mutter, Vater, Kind die Mutterrolle übernimmst, obwohl du ein Junge bist.”

Bis dato hatte ich nie das Gefühl, dass ich “falsch” bin. Aber wenn dir das Stück für Stück wöchentlich, täglich erzählt wird, stellt sich irgendwann von alleine die Frage: “Bin ich nicht richtig?”

Und dann bin ich ganz früh drauf gekommen, dass da was nicht stimmen könnte. Ich habe es im Kindergarten schon gemerkt, dass ich nur mit Mädchen gespielt habe, mich zugehörig gefühlt habe. Ich hatte mit Jungs absolut nichts zu tun.

Ich werde einen Tag nie vergessen. Ich hab’ immer ausgesehen wie ein Mädchen, immer schon. Und wir waren im Urlaub in Griechenland und ich hatte eine Badehose an und war am Pool.

Da sagte ein anderes Mädchen zu mir: “Warum hast du eine Badehose an, du bist doch ein Mädchen? Du musst doch einen Badeanzug anhaben!” Und meine Mutter zog mich am Arm weg von ihr.

Ich weiß nicht mehr genau, was sie gesagt hat aber ich glaube, sie sagte: „Hör auf, den Leuten zu erzählen, dass du ein Mädchen bist.” Das habe ich gar nicht. Meine Mutter würde sich heute gar nicht mehr dran erinnern aber das sind Dinge, wo du als Kind merkst,

“oh ich darf kein Mädchen sein. Ich MUSS ein Junge sein”.

Also habe ich vieles heimlich gemacht. Ich habe zum Beispiel mit Filzstift meine Lippenkontur geschminkt. Und wenn dann zum Abendessen gerufen wurde, musste ich es runterschrubben ganz schnell und es ging nicht runter. Es gab immer Ärger, weil sie dann doch etwas gemerkt haben. Und dieser Ärger hat dafür gesorgt, dass ich Angst bekommen habe.

Ich glaube ein großer Faktor war auch der Neid. Ich habe jedes Mädchen und jede junge Frau um alles beneidet. Heute noch erwische ich mich dabei. Aber ich kann heute anders damit umgehen. Es zerfleischt mich nicht mehr. Irgendwann habe ich eine Antipathie mir selbst gegenüber entwickelt, weil ich dachte, “hier ist so viel nicht korrekt bei dir”.

Ich habe mich geschämt. Scham ist die ersten 20 Jahre meines Lebens ganz groß gewesen für mich und alles was ich bin.

Du glaubst, dass du dich für dich schämen solltest, weil dir jeder sagt, “etwas ist nicht korrekt”. Dann isolierst du dich. Du desozialisierst. Ich habe viel Zeit mit mir selbst verbracht. Ich hatte keine Freundschaften und keinen sozialen Umgang in irgend einer Form.

Dann beginnt die Pubertät und Nicolette vertraut sich ihrer Mutter an. Doch zunächst zeigt sie nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was sie wirklich beschäftigt.

Nicolette:

Es war irgendwie immer klar, dass ich Männer liebe.

Damit, dass ich scheinbar “homosexuell” war, konnte ich mich gut arrangieren. 

 

Verdrängung

Als ich so 15/16 war hatte ich das erste Gespräch mit meiner Mutter und hab ganz klar gesagt, dass ich Jungs mag und hab das auch im jugendlichen Alter ausgelebt. Dass da noch viel mehr ist, hab ich wohl lange verdrängt.

Die Verdrängung ihrer eigentlichen Identität ist bei Nicolette sehr stark. Ihre Liebe für Make-Up und weibliche Schönheit lebt sie mehr oder weniger durch ihre Arbeit aus. Nicolette wird Visagistin und arbeitet für verschiedene Fernsehproduktionen. Doch bald reicht das längst nicht mehr aus. Unter der Oberfläche brodelt noch viel mehr.

Nicolette:

Als ich 17/18 war, kam das Thema in den Medien erstmals auf. Ich war da noch nie operiert. Ich hab’ in den Medien das erste Mal von einer Holländerin gehört, die mich sehr inspiriert hat. Sie war operiert als Frau und ich dachte: “Wow! Die ist wunderschön und bekommt auch Anerkennung von außen- da gibt es also Wege”.

“Es gibt also Lösungen!” Da hatte ich zum ersten Mal diese Idee im Hinterkopf.

Nicolette ist 18 Jahre alt, als sie statt einer eigentlich geplanten Nasenkorrektur, nun erstmals konkret über eine geschlechtsangleichende Operation nachdenkt.

Nicolette:

Eigentlich viel zu spät. Ich hatte damals eine Beziehung mit einem 10 Jahre älteren Mann, der hatte eine Produktionsfirma. Und ich habe ihn angerufen im Büro und gesagt, “du, ich glaube, ich möchte ‘ne Frau sein”. Und er hat gesagt, “ich weiß”. Und wenn du so jemanden hast, an den du dich anlehnen kannst und der dich dabei unterstützt, dann war das der größte Stein, der von mir gefallen ist.

Und ich bin nach Frankfurt gefahren und hab der Ärztin gesagt, “ich will das und das in meinem Leben ändern, können Sie mir helfen?”. Von da an war der Schritt für mich klar. Und ich bin dann, Schritt für Schritt, an die Außenwelt gegangen.

 

Die Wahrheit

Und dann folgt der für sie schwierigste Schritt. Der Schritt, vor dem sie sich 18 Jahre lang gefürchtet hat. Sie sagt es ihren Eltern. 

Nicolette:

Ich hab’s erst meiner Mutter gesagt, sie hat einen Prospekt vom Aldi gelesen, das werde ich nie vergessen. Und ich hab gesagt, “Ich hab’ einen Termin zur Nasenkorrektur” und dass ich noch viel mehr vorhabe. Und meinem Vater hab ich es zwei Wochen später gesagt. Da saß mein Bruder und seine Partnerin am Tisch. Es war ein Abend, wo alle in Tränen aufgelöst waren.

Vielleicht haben sie es geahnt, vielleicht auch nicht. Meine Eltern reden darüber nicht. Meine Mutter ist Deutsche, mein Vater ist Grieche aus der Großstadt, aus Athen. Das war mein Ass. Wäre er aus dem Dorf, wäre das sicher kritischer gewesen.

Mein Vater war in Tränen aufgelöst. Er ist ein sehr emotionaler Mensch wie ich auch. Ich glaube, da war der Kummer und die Sorge im Vordergrund und was man mit sich getragen haben muss, bis man zu diesem Punkt kommt.

Doch nachdem der ersten Schock verdaut ist, versteht ihre Familie, dass Nicolette sich schon immer als Frau gefühlt hat und zukünftig auch als solche leben möchte. Die Familie akzeptiert diese Entscheidung und steht voll hinter ihr. Sie geben ihr Halt und Liebe.

Nicolette:

Ich schätze Menschen, die so viel Empathie mitbringen, sich vorzustellen, was ich dreißig Jahre lang mitgemacht habe. Meine Mutter, glaube ich, macht sich bis heute Vorwürfe, dass sie mir nicht eher geholfen hat.

Nicolette findet einen Therapeuten in Köln, der ihr hilft. Zwei Monate später beginnt sie eine Hormontherapie. Sie lässt sich die Nase korrigieren und Brüste machen.

Der schönste Moment war, als ich das allererste Mal komplett als Frau meine Wohnung verlassen habe.

Ich konnte nicht laufen in meinen 6 Zentimeter hohen Pumps. Ich bin gelaufen wie auf Eiern, den ganzen Tag. Aber das war für mich das Allerschönste. Ich bin raus und dachte, die Welt gehört mir. Das ist jetzt genau zehn Jahre her! Das war ein Mittwoch. Das vergesse ich nie.

Doch die große, geschlechtsangleichende Operation steht noch bevor. Die Operation, die den letzten noch sichtbaren, männlichen Körperteil entfernen und sie auch äußerlich zur Frau machen soll. Doch dabei geht so einiges schief.

Nicolette:

Ich habe mich nicht gut beraten lassen. Ich habe nicht viel recherchiert. Der Professor sollte sehr gut sein, er wurde mir von der Krankenkasse empfohlen, er sollte eine Koryphäe auf seinem Gebiet sein. Es war im Endeffekt ein Beratungsgespräch von einer dreiviertel Stunde und danach habe ich den Mann nicht mehr gesehen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er mich operiert hat oder irgendwelche Hiwis.

Es war eine ganz altmodische Operationsmethode. Er hat viel zu viel Gewebe weggeschnitten. Er hat einfach nicht mit Liebe zum Detail gearbeitet.

Ich hatte Schmerzen und zwei Bluttransfusionen.

Es folgt ein OP-Marathon. Essen, Krefeld, Frankfurt… Es dauert Jahre, bis Nicolettes Körper so fraulich ist, wie sie es sich gewünscht hat.

Nicolette:

Das war nicht einfach. Ich habe aufgehört zu hoffen, dass das perfekte Ergebnis dabei herauskommt. Dass es genauso wird, wie in meiner Phantasie. Aber heute bin ich zufrieden. Ich bin orgasmisch und gefühlsecht ist es auch. Es wurden keine Nerven zerstört. Ich habe beim Sex natürlich Gefühle. Ob das genauso eine Gefühlsexplosion ist, wie bei einer biologischen Frau, kann ich nicht sagen. Aber ich komme beim Sex genauso zum Orgasmus wie eine biologische Frau, ich habe durchaus mein Vergnügen.

 

Nicolette ist geboren

Und Nicolette ändert nicht nur ihren Körper. Sie radiert alles aus, was an ihre Zeit als Junge erinnert. Sie ändert ihren Pass und ihre Geburtsurkunde. In ihrem Pass steht heute “Nicolette”. Wie sie früher hieß, mit welchem Namen sie geboren wurde, verrät sie nicht. Und auch Fotos von ihrem früheren Leben hält sie bewusst zurück.

Nicolette:

Weil es ‘ne ganz schlimme Zeit war. Ich bin innerlich noch nicht so weit. Momentan ist das alles noch abstrakt.

Wenn ich den Menschen zeige, dass ich tatsächlich mal ein Junge gewesen bin, in Fleisch und Blut, nimmt das sofort ‘ne andere Farbe an. Dafür bin ich noch nicht stark genug.

Stark sein. Das musste Nicolette erst lernen. Jahre der Zweifel und die Angst, wegen ihres “Umstandes”, wie sie selbst es nennt, nicht mehr geliebt und akzeptiert zu werden, haben sich in ihre Seele eingebrannt. Sie flüchtet sich in die Arme eines Mannes, der sie unterdrückt, erniedrigt und das letzte Fünkchen Selbstbewusstsein zerstört, das sie noch hat.

Die schlimmste Sache in meinem Leben war meine letzte Beziehung. Das war das Grausamste, was mir je passiert ist, weil all die Unsicherheiten, die ich in mir getragen habe, der ganze Schmerz, den ich 25 Jahre in mir getragen habe, kam in dieser Beziehung raus.

Erst nach vier Jahren Beziehung, als sie ganz am Boden ist, schafft sie es schließlich, sich zu befreien. Sie setzt sich  erstmals intensiv mit sich selbst und ihrer Identität auseinander. Sie besucht Vorlesungen von Hirnforschern und Therapeuten für kognitive Neuropsychotherapie. Sie besucht Selbstfindungskurse. Und sie findet endlich das, wonach sie die ganze Zeit gesucht hat- sich selbst.

Nicolette:

Mir ging es sehr lange sehr schlecht. Mir ging es bis vor zwei Jahren sehr schlecht.

Das Schlimmste auf meinem Weg war, dass ich mir selbst im Weg gestanden habe. Meine Angst, nicht geliebt zu werden, meine Furcht und meine Scham. Das war das Schlimmste.

Dass ich mir selber Dinge nicht zugetraut habe, aus Angst. Ich hab mir dadurch viel kaputt gemacht. Zum Beispiel, allein die Tatsache, dass ich so spät angefangen habe damit. Ich hätte viel früher anfangen müssen. Und ich habe mich in Arme von Menschen begeben, weil ich gehofft habe, dass die das ausgleichen können. Als Überschrift könnte man sagen: Schade, dass ich mich nie geliebt habe für „meinen Umstand“. 

 

Der Schmetterling

Aus der unscheinbaren Raupe, die sich in ihrem Kokon versteckt, ist ein wunderschöner, exotischer und extrovertierter Schmetterling geschlüpft. Doch was, wenn ein Schmetterling, all die anderen Schmetterlinge überstrahlt? Nun erntet sie erneut Kritik, diesmal weil sie „zu weiblich“ sei. Für ihr starkes Make-Up und ihr figurbetontes Styling wird Nicolette oft angefeindet.

Ich werde ausgelacht, jeden Tag. Jeden Tag! Das geht so weit, dass ich meine Lebensmittel online bestelle.

Wenn ich so in den Supermarkt fahre, ist das für mich der Horror. Oder ich gehe erst um halb zehn abends. Das sind solche Kleinigkeiten, die für mich schwierig sind. Gar nicht so sehr wegen „meinem Umstand“.

Also es ist nicht so, dass Menschen auf mich zeigen und sagen: „Die war mal ein Mann!“. Das passiert mir so selten, daran kann ich mich gar nicht erinnern. Aber mein extremes Erscheinungsbild.

Viele sagen, ich versuche etwas zu kompensieren. Das glaube ich nicht. Es ist mein Sinn für Ästhetik. Ich habe mich in der Branche [als Visagistin] immer sehr wohl gefühlt und empfinde Frauen als sehr attraktiv. Ich habe es immer schon gemocht, wenn eine Frau sehr geschminkt, sehr extravagant ist. Meine Mutter ist auch eine ganz toll zurechtgemachte Frau. Dass die Aufmerksamkeit damit einhergeht und die Menschen mich als leicht zu haben oder unintelligent assoziieren, dessen bin ich mir bewusst. Den Preis zahle ich.

Dabei steckt viel mehr hinter der perfekt gestylten Fassade. Nicolette war nicht nur Visagistin, sie hat auch ein abgeschlossenes Studium. Heute lebt sie aber von ihren Aktivitäten auf Social Media. Und obwohl sie es nicht leicht hatte, hat sie ihre Entwicklung nie bereut.

Ich werde immer gefragt: “Wann hast du dich denn dazu entschieden eine Frau zu sein?”. Und der wichtigste Punkt ist: Ich habe mich nicht entschieden, eine Frau zu sein.

Was die Menschen nicht verstehen: Ich bin genau so eine Frau, wie du es bist. Ich hatte den Körper von einem Mann, alles andere ist fraulicher als Frau!

Nur leibliche Kinder kann sie nach ihren Operationen keine mehr bekommen. Ein schwieriges Thema.

Ich könnte adoptieren, weil ich vor dem Gesetz eine Frau bin. Ich werde so oft gefragt, ob ich es bedaure, dass ich keine Kinder bekommen kann. Wenn ich Kinder kriegen könnte, hätte ich wahrscheinlich schon tausend Stück. Aber dadurch, dass ich sie nicht kriegen kann, will ich mich gar nicht so sehr mit dem Thema auseinandersetzen, weil es mir sonst weh tun würde.

Ich würde mich aber freuen, wenn ich einen Mann kennenlernen würde, der schon ein oder zwei Kinder hat. Das fände ich ganz toll. Viele haben es schwer, die alleinerziehend sind, einen Partner kennenzulernen. Hier bin ich! *Sie lacht ihr lautes, ansteckendes Lachen.* Sehr gerne würde ich die Liebe weitergeben.

Ich habe so viel Liebe, so viel Positives in mir weiterzugeben. Das reicht für mehr als nur einen Partner. Das reicht auch noch für hundert Kinder.

Und da ist sie wieder, die Nicolette, deren Geschichten tausende täglich mitverfolgen. Die Nicolette, die Liebe wie Konfetti verteilt. Die Nicolette, der es um weit mehr geht, als um Follower oder Abonnenten.

Nicolette:

Das Schlimmste ist, die Engstirnigkeit der Menschen.

Mein Ziel ist es, die Menschen aufzuklären und wachsamer dafür zu machen. Am Liebsten würde ich die Menschen in den Arm nehmen und sagen, „guck, du brauchst keine Angst haben“ und “ich hab dich lieb”. Manche Menschen müssen einfach mal gedrückt werden. Die brauchen einfach mal Liebe. Alle Menschen sind toll. Und das meine ich wirklich.

Vor Allem an Eltern von Trans-Kindern richtet sich ihr Appell, das Offensichtliche nicht zu verdrängen. Viele Eltern warten sehr lange und hoffen, alles sei “nur eine Phase”. Im schlimmsten Fall verlängert und verstärkt das nur das Leid betroffener Kinder. Statt dessen, können Eltern sich heute frühzeitig Hilfe und unabhängige Beratung suchen [zum Beispiel unter Trakine e.V. ] Und zwar noch vor Einsetzen der Pubertät.

Nicolette:

Eltern müssen sich Hilfe suchen. Ich glaube die Angst und Verzweiflung und Überforderung ist so groß, dass Eltern es nicht alleine schaffen. Schon wenn die Kinder 4,5 oder 6 Jahre alt  sind, gibt es Kindertherapeuten, die sich damit auseinandersetzen. Das war damals bei mir nicht der Fall, vor 25 Jahren. Dass Eltern viel Angst haben, kann ich verstehen.

Ich würde Eltern am liebsten in den Arm nehmen und drücken und sagen, „es wird alles gut. Habt keine Angst“.  Und dann würde ich gerne das Kind drücken und sagen, „du musst auch keine Angst haben“ .

Ich kann nur sagen, dass mir viel Liebe widerfahren ist in meinem Leben. Jeder Mensch, der in meinem Leben ist, den ich liebe und der mich liebt, ist doppelt so viel wert, als wenn ich nicht „diesen Umstand“ hätte. Weil Leute, die mich wirklich lieben, die lieben mich bedingungslos. Ich kann sagen, dass meine Eltern mich wirklich bedingungslos lieben, nach allem, was wir durchgemacht haben.

Wenn du dich selber liebst und respektierst, dann läuft dein Leben wie geschnitten Brot. Und ich halte so viel von mir selber. 

Der Abend mit Nicolette ist etwas Besonderes. Immer wieder treffen sie Blicke. Doch es sind vor allem Neugierige. Sie ist dieses Wesen, das man nicht direkt einschätzen kann und gleichzeitig strahlt sie Liebe aus. Und Wärme. Und Respekt für andere. Und am Ende des Abends, nachdem wir gegessen, getrunken und geredet haben, liegen ihr selbst die Kellnerinnen im Restaurant zu Füßen. Es werden Stylingtipps ausgetauscht und Umarmungen und Komplimente. Hätten sie einen roten Teppich, hätten sie uns den wohl ausgerollt. Und zwar, ohne zu wissen, wer sie ist. Einfach weil sie SIE ist.

Unfassbar und doch völlig verständlich, wie schnell sich Nicolette nicht nur die Herzen ihrer Online Community, sondern auch die der Menschen um sie herum erobert hat. Meins eingeschlossen.

Danke Nicolette.

 

 



22 thoughts on “Heute bin ich ein Schmetterling- geboren im falschen Körper”

  • Die Frau ist der Knaller! Ich bin gestern auf Ihre Story auf Instagram gestoßen und hab nach 3 Minuten schon Tränen gelacht. Hinter der Optik steckt wirklich ein toller Mensch!!!

  • Ein echt tolles aufmerksames Gespräch … es reißt mich förmlich mit in die Gedankenwelt. Ich habe sie in Insta gesehen,, dachte einfach so wie du Sie ist halt dolle geschminkt ist und das wars. Aber was dahinter steckte war mir nicht bewusst. Immer wieder sah ich wie jemand sagte schaut sie euch an… Sie spricht die ehrlichsten Worte aller Zeiten. Und ich sah mir eine Storie nach der anderen an. Ich fand Sie toll lustig laut 🙂 eine tolle lebensfrohe Sardelle… mir gefällt Sie. weiter so 🙂

    • Hallo Caro, vielen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass Dir der Beitrag gefallen hat und Du Dir auch die Zeit genommen hast, zwei Mal hinzusehen. 🙂

      • Ich liebe Ihre Storys, SO lustig. so viel zum lachen, Schönheit und dieses offene Mundwerk. der Wahnsinn. tolle Frau 🙂 nie wieder werde ich so ran gehen wie du vorher. Liebe Grüße

  • Der für mich schönste Schmetterling auf dieser Welt!
    Diese kleine Sardelle hat es geschafft, dass ich trotz Heizung auf Anschlag an diesem kalten Morgen, Gänsehaut bekomme, sogar in der Kniefalte. Sie schafft es, Menschen, die mit diesem Thema, „dem Umstand“, eigentlich nicht viel am Hut haben, neugierig zu machen und ggf. Toleranz zu schaffen. Sie schafft es zum Nachdenken anzuregen. Und das auf höchstem Niveau. Ich ziehe meinen Hut vor Nicolette, der respektvollsten, liebevollsten und tolerantesten Frau, von der ich jemals gehört und gelesen habe.
    Es sollte mehr von dir geben, Nicolette. Danke für jedes ehrliche Wort, jeden kleinen Tipp und vor allem für deine Wärme. Schön, dass es dich gibt.

  • Du/ Ihr kennt mich ja und könnt Euch denken, was jetzt kommt! Viele Tränen sind bei mir geflossen. So viele Parallelen, aber die kennt Ihr ja, habt meinen Blogbeitrag gelesen! Ich werde versuchen, an dem Thema dranzubleiben! Irgendwie hab ich das Gefühl, das bin ich meiner Schwester schuldig, weil sie es ja nicht mehr kann.
    Ich denke, es hat sich schon viel getan in unserer Gesellschaft! Sicher durch die Aufklärung über das Thema von Menschen wie Mademoiselle Nicolette. Trotzdem muss man dran bleiben. Meine Söhne haben es schon viel leichter, wie es meine Schwester hatte, sich selbst und ihre Persönlichkeit in dieser Welt zu finden und zu entwickeln. Die Verurteilung findet allerdings immer noch in den Köpfen der Menschen statt, vor allem in den älteren Semestern. Und die engstirnigen Jüngeren. Aber wir arbeiten dran… damit es leichter wird! Die Welt ist bunt – und wir sind es auch!

    LG, Eure Bea.

    • Liebe Bea, Du hast so Recht: Die Welt ist bunt. Und auch wenn jemand “aus der reihe tanzt” ist das doch nur eine Bereicherung. Und ich hoffe, dass das in Zukunft auch als solche angesehen wird.

  • Ein bezauberndes Interview über eine bezaubernde Frau! Wahnsinnig toll, wie ein Mensch so viel Liebe ausstrahlen kann und uns mit ihrer Thematik wach rüttelt. Das Interview beschreibt sie zu 100% genauso wie ich sie auf Instagram wahrgenommen habe.
    SIe ist einfach zu meinem Lieblingsschmetterling geworden und #vollmeinding.

  • Ich habe beruflich viel mit Menschen zu tun, die einen ähnlichen Lebens-/ Leidensweg hinter sich haben. Daher habe ich viel Bewunderung für so viel Offenheit übrig. Allerdings finde ich die anklagende und abwertende Haltung gegenüber den behandelnden Chirurgen sehr schade. Ein Geschlecht umzuwandeln ist wohl einer der größten Eingriffe in die Natur. Dass das nicht immer unkompliziert und schmerzfrei verläuft, ist daher absolut klar. Es wäre schön, wenn Nicolette das sehen könnte. Dass sie jetzt nicht nur aussieht wie eine Frau, sondern sogar sexuelle Empfindungen wie eine Frau haben kann, ist eine immense medizinische Leistung!

    • Hallo Antonia, ich habe es gar nicht als Kritik an Medizinern generell angesehen. Sie ist ja auch sehr zufrieden, mit den Chirurgen, die letztlich die “Fehler” ausgebessert haben. Sie sagt ja auch, dass sie heute sehr zufrieden ist mit dem entgültigen Ergebnis. Aber danke für deine Anmerkungen. Soll ja auch nicht falsch rüberkommen. Die Ärzte leisten heutzutage sicher Großartiges.

  • Ich habe sie schon einige Zeit auf Instagram gestalked. Ich kann mit ihr Lachen und weinen. Ich wünschte sie gäbe „Sprüche klopfen“- Seminare. Sie ist ein ganz warmherziger wunderbarer Mensch. Danke für dieses entzückende Interview.

  • Ein tolles Interview einer faszinierenden Frau ! Ich bin nicht in der gleichen Situation, nehme mir aber etwas aus ihrer Geschichte mit, seit dem ich ihr Folge und zwar, dass man sich nicht kleiner machen muss, nur um anderen zu gefallen .
    Ich habe Jahre damit vergeudet… Das Selbstvertrauen das Nicolettte heute hat ist Gold wert und trotz all dem tamtam oder vielleicht auch gerade deswegen, ist sie ein Mensch mit dem Herz an der richtigen Stelle

    • Hallo Frau Löwenstark, Du hast so Recht. Gerade wenn es um Selbstliebe, Identitätsfindung und Selbstfindung geht, kann an sehr viel von ihr lernen. Geht mir auch jedes Mal so.

  • Ich hab das Foto auf instagram gesehen und dachte, schon wieder so eine Barbie. Jetzt schäme ich mich dafür. Dieses Schubladendenken ist uns anerzogen und verdirbt so oft den ersten Eindruck. Denn wenn ich sie getroffen hätte, wäre sicher ein tolles Gespräch entstanden. Aber ich hab zuerst das Bild gesehen und hatte direkt eine Meinung. Ich bin froh, dass ich falsch lag.

    • Hallo Carina, man ertappt sich irgendwie immer wieder bei so einem Schubladendenken. Schön, wenn man sich die Zeit für einen zweiten Blick nimmt, so wie DU 🙂

  • Heilige mutter Gottes, ich hatte so Gänsehaut beim lesen und hab immer wieder ein Tränchen im Auge! Diese Frau ist atemberaubend wunderschön. Selten einen Menschen getroffen der so einen tollen Charakter hat und so stark und doch so sensibel ist. Ich bewundere sie, für das was sie jeden Tag an uns ihre Sardellen weiter gibt. So viel Liebe und so viel Ehrlichkeit. Es müsste mehr solcher Menschen geben. Es müsste so viel mehr Liebe geben in dieser Kalten Welt. ❤️ Ich freue mich jeden Tag darauf eine Neue Storie von ihr zu sehen. Diese Geschichte welche keine Geschichten sind sondern Lebenserfahrung sind einfach Wahnsinn und helfen einem ein Stück mehr Selbstvertrauen zu finden. ❤️❤️❤️ Danke das es solch tolle Menschen wie sie gibt.

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