“Ich fühlte mich, wie lebendig begraben.” Postpartale Depression

“Ich fühlte mich, wie lebendig begraben.” Postpartale Depression

Das hatte ich mir anders vorgestellt. So, wie man es von anderen Müttern immer hört. So wie man es bei Instagram liest. Dass alle Schmerzen vergessen sind, sobald das Baby da ist. Dass du es ansiehst, voller Liebe und dir von da an nichts Schöneres vorstellen kannst, als Mutter zu sein. Und genau so fühlen sicher viele, viele Mütter. Und das ist toll und wunderbar. Ich freue mich aufrichtig für jede Frau, für die das Wochenbett und die Zeit danach eine der Schönsten im Leben ist.

So war es bei mir nicht. Schleichend begann mit dem, Tag der Geburt meiner ersten Tochter eine dunkle Zeit. Sehr dunkel. Und sehr allein. Denn niemand merkte, was mit mir los war. Nicht mal ich selbst. Bis durch einen Zufall alles ans Licht kam .

Doch ich habe sie überwunden: die Postpartale Depression. Eine Krankheit, die oft mit Scham und Unwissenheit verbunden ist. Und ich sage es noch Mal: es ist eine Krankheit- oft ausgelöst durch ein Trauma. Doch die wenigsten trauen sich, offen darüber zu sprechen. Selbst ich habe bis heute geschwiegen. Doch heute möchte ich darüber sprechen. Denn ich weiß, ich bin nicht alleine. Jede zehnte Frau in Deutschland leidet ebenfalls darunter: Postpartale Depression. Oft bleibt sie viel zu lange unerkannt. So wie bei mir.

Wie alles begann

Es war eine absolute Wunschschwangerschaft. Wir waren überglücklich. Die Schwangerschaft verlief zunächst problemlos. Bis gegen Ende. Da stellte sich heraus, dass das Baby falsch herum lag. Dennoch rieten mir die Ärzte zu einer natürlichen Geburt. An dieser Stelle nur so viel: Nach 24 Stunden wehen, erlebte ich eine absolute Horrorgeburt (vielleicht schreibe ich darüber ein andermal). Anders kann man es nicht sagen. Das einzig Gute an dieser Geburt: Mutter und Kind haben sie körperlich unbeschadet überstanden. Und das war tatsächlich großes Glück.

Tatsächlich schien es zunächst, als sei alles in Ordnung.

Als ich aus der Bewusstlosigkeit erwachte, sah ich meine Tochter und mir kamen die Tränen. Sie war perfekt. Ich liebte sie vom ersten Moment an. Das Stillen klappte auf Anhieb und ich konnte sie schon bald mit nach Hause nehmen.

Die ersten Wochen waren heftig. Sie weinte viel, trank viel und brauchte ständig Körperkontakt. Die Geburt? Heute weiß ich, dass ich sie verdrängt habe. Denn ich musste ja funktionieren. Für dieses kleine Wesen, das mich brauchte. Ich hatte keine Zeit, Dinge aufzuarbeiten. Und warum auch? Es wurde einfach nicht mehr darüber gesprochen.

Es kam noch schlimmer- und gab mir den Rest

Nur etwa zwei Monate nach der Geburt seines ersten Enkelkindes starb mein Vater, den ich über alles liebte, an einer schnellen, heftigen Krebserkrankung. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ab diesem Moment ging es bergab.

Die wenige Kraft, die ich noch hatte schwand. All das Leben wich nach und nach aus mir heraus und die Welt drehte sich einfach weiter.

Ich wollte am Liebsten nur noch im Bett liegen- doch ich hatte ja das Baby, das Licht, Luft und Liebe brauchte. Also funktionierte ich wieder. Meine Tränen schluckte ich hinunter.

Niemand merkt etwas

Nach außen hin, war alles wie immer. Außenstehende machten mir Komplimente dafür, dass ich die Schwangerschaftskilos so schnell verloren hatte. Nur drei Monate nach der Geburt, wog ich weniger als vorher. Doch es lag einfach daran, dass ich meinen Appetit komplett verloren hatte. Ich war ständig müde. Sehr müde. Doch das ist normal, wenn man ein Baby hat, dachte ich mir. Ich hatte keine Energie und viel zu wenig Schlaf. Denn selbst wenn das Baby schlief, viel es mir schwer, in den Schlaf zu finden. Doch nach außen funktionierte ich, ging zum Babyturnen und auf den Spielplatz. Wirklich Spaß hatte ich dabei nicht. Ich verlor “Freunde”, die kein Verständnis dafür hatten, dass ich ja jetzt so wenig Zeit hatte, bzw. mich nur noch im Doppelpack mit Baby treffen konnte (ich stillte zu dieser Zeit voll). Und die neuen “Mama-Freunde” hatten kein Verständnis für meine Müdigkeit. “Na, dann lass sie doch schreien, haben wir auch gemacht. Selbst schuld wenn du so müde bist, du springst ja auch gleich, wenn sie weint”. Doch das kam für mich nicht in Frage. Was blieb: Das Gefühl, dass ich selbst an meiner Lage schuld sei und mich nur “anstellte”. Also zog ich mich mehr und mehr zurück.

Ich war traurig. Und wurde immer trauriger. Ganz schleichend. Niemand bemerkte etwas. Nicht meine Frauenärztin, nicht die Hebamme, nicht meine Familie. Nicht mal ich selbst. Ich dachte, es sei normal, dass man als Mama müde ist. Ich dachte, es sei normal, dass ich mich fühlte, wie ich es tat. Schließlich “meckern” alle Mütter mal. Wer kennt das nicht?

Ich hatte völlig falsche Vorstellungen von einer postpartalen Depression

Warum blieb die Krankheit so lange unentdeckt? Fast 3 Jahre! Weil ich, so wie viele, völlig falsche Vorstellungen hatte. Und weil andere Menschen ebenfalls so wenig darüber wissen. Denn die Krankheit hat viele Gesichter. Depressive sind nicht ständig traurig. Es gibt auch gute Phasen. Es ist viel mehr, als sitzt ein Elefant auf deiner Brust. Alles, selbst kleinste Dinge, kosten plötzlich unglaublich viel Energie.

Ich dachte, depressive Mütter können keine emotionale Bindung zu ihren Kindern aufbauen. Doch ich liebte dieses kleine Mädchen so sehr. Ich wollte sie die ganze Zeit anfassen, riechen, ansehen. Also ist es keine Depression, dachte ich.

Doch mein Leben war völlig anders. Plötzlich war ich ohne Job und ohne Aussicht meinen alten Job als Fernsehredakteurin wieder zu bekommen, den ich sehr liebte. Mein großer Freundeskreis war plötzlich auf ein Minimum reduziert. Ich konnte weder auf die Toilette, Duschen, noch einen Kaffee trinken, ohne Angst, das Baby schreit genau in diesem Moment. Aus den banalsten Gründen bin ich in Tränen ausgebrochen. Und in mir immer diese Traurigkeit. Dieses Gefühl “War das jetzt schon alles”? Ich fühlte mich, als müsse ich ersticken. Inmitten einer riesigen Menschenmenge und niemand bemerkt es. Ich schob es auf den Schlafmangel. Das wird sicher besser…

Und doch waren dunkle Gedanken da. Noch nicht konkret. Aber oft waren da Gedanken, die mich selbst erschreckten. Wer weiß, wie alles geendet hätte, wenn der Zufall nicht alles verändert hätte.

Ein Zufall ändert alles

Ich saß im Wartezimmer des Krankenhauses wegen einer Kontrolluntersuchung. Da kam eine junge Dame auf mich zu und fragte, ob ich an einer Studie zum Thema Geburt teilnehmen wollte. Man untersuchte, welche Auswirkungen es langfristig habe, ob man natürlich oder per Kaiserschnitt entbunden habe. Ich hatte Zeit, ich war neugierig, also machte ich mit. Es war eine langfristig angelegte Studie mit Speichelprobe und allem.

Nach einiger Zeit bekam ich einen Anruf. Man habe meinen Fragebogen und meine Speichelprobe ausgewertet und vermute eine mittelschwere Postpartale Depression. Ich sollte mich bitte dringend an eine Therapeutin wenden. Bäm.

Endlich hatten meine Gefühle einen Namen. Ich war nicht undankbar. Ich war keine “schlechte Mutter”. Ich hatte eine Krankheit.

Die Heilung

Vermutlich hätte ich noch lange so weitergemacht. Doch nun wusste ich, was zu tun war. Ja, der Anfang ist schwer. Denn jemand der sowieso keine Energie hat muss sich aktiv um Heilung bemühen. Doch es lohnt sich. Auf der Webseite therapie.de (unbeauftragte Werbung) suchte ich nach Therapeuten mit de, Schwerpung PPD in meiner Nähe. Man kann kostenlose Probegespräche vereinbaren um den richtigen Therapeuten/Therapeutin eine zu finden. Oft gibt es Wartelisten. Auch bei mir. Nach einer Wartezeit von etwa 4 Monaten begann ich mit der Therapie.

Die ersten Male kam ich heulend aus der Praxis. Denn natürlich musste ich mich an alles erinnern, was ich so stark verdrängt hatte. Was heilen soll, muss erst mal schmerzen. Doch nach und nach wurde es immer besser. Am Ende der Therapie war ich wieder ich selbst, motiviert und energiegeladen genug, auch im Job wieder Fuß zu fassen und nicht nur ein, sondern noch ein zweites Kind großziehen.

Es geht nicht von heute auf morgen. Doch es gibt Hilfe.

Heute habe ich wieder ein Leben

Heute bin ich unglaublich froh dass dieser Zufall mir geholfen hat. Ich hätte mir damals gewünscht, mit jemandem darüber sprechen zu können. Doch ich kannte niemanden mit derselben Diagnose. Ich kannte nur Menschen, die unwissend oder wenig einfühlsam waren.

“Depressive sollen sich mal nicht so anstellen. Die sollten einfach weniger über sich selbst nachdenken”, sagte eine “Freundin”, heute Ex-Freundin damals.

Und genau wegen solcher Äußerungen scheuen sich Betroffene oft, darüber zu reden.

Ich möchte das gerne ändern. Mir geht es heute wieder gut. Ich habe zwei gesunde Kinder, die ich über alles liebe. Und ich möchte meine Reichweite nutzen, damit es euch auch wieder gut geht, falls ihr ähnliches durchmacht. Oder dafür, dass ihr verständnisvoller damit umgeht, falls jemand, den ihr kennt betroffen ist.

Denn vergesst nicht: Jeder Art von Depression ist eine Krankheit. Niemand sucht sie sich aus. Und: Je früher sie behandelt wird, umso größer meist die Chance, sie zu heilen, bzw. gut damit zu leben.

Ich freue mich wie immer über respektvolles Feedback hier oder nimm gerne an der entsprechenden Diskussion auf meinem Instagram Account unter @frau.kakao.macht.tv teil.

Brauchst Du oder jemand, den du kennst Hilfe?

Überregionale Krisentelefone – Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Mailberatung sowie Chatberatung sind bei allen Anlaufstellen über die Website möglich.

Deutschland

Tel.: 0800 / 11 10 111
Tel.: 0800 / 11 10 222
Rund um die Uhr
www.telefonseelsorge.de
telefonseelsorge@diakonie.de



8 thoughts on ““Ich fühlte mich, wie lebendig begraben.” Postpartale Depression”

  • Danke für deine Offenheit! Auch ich traue mich noch nicht darüber zu sprechen. Nach 1,5 J. nicht. Auch bei mir wurde es erst nach 3 J. verspätet entdeckt, bis dahin funktionierte ich einfach. Aber der Nebel und die Schwermut lichtet sich, wenn man selbst registriert, so ist nicht ‘normal’.
    Wie geht es dir heute? Plagen dich Schuldgefühle, genau weil du es erst spät entdeckt hast? LG

    • Naja, es tut mir eher leid, weil ich vermutlich in dieser Zeit eine viel bessere Mutter hätte sein können, wenn es früher erkannt und behandelt worden wäre. Und es wäre vermutlich auch viel schneller gegangen. Aber es hat mir auch gezeigt, wer meine wahren Freunde sind.

  • Ja, leider wird zu selten darüber gesprochen. Man sieht andere glückliche Mütter und fragt sich, wieso es bei einem selbst nicht so ist… Ich habe damals darüber gesprochen, ich wusste was ich habe, aber leider haben alle, ausser meinem Mann weggeschaut.
    Ich weiß noch wie ich mitten im Winter heulend auf einer Parkbank sass und einen Therapeuten nach dem anderen angerufen habe.. Niemand hatte einen Platz mehr!
    Ich habe nach 8-9 Monaten alleine da raus gefunden und bin froh, dass ich noch lebe…
    Es war die schlimmste Zeit in meinem Leben.

    • Wie schön, dass du es da alleine raus geschafft hast. Das mit der Therapeutensuche ist echt schlimm. Man hat sowieso keine Energie und muss dann noch so viel Energie in die Suche stecken. Und Wartezeiten von bis zu einem Jahr sind in bestimmten Fällen ja auch lebensgefährlich. Danke für deinen Kommentar.

  • Dieser Text könnte von mir sein… Ich danke dir dafür! Aufklärung ist so wichtig. Ich hatte vorher schon viel darüber gelesen, aber hab die PPD bei mir selbst nicht erkannt, eben weil ich meine Tochter so liebte.

  • Liebe Joanna, es tut mir leid, dass du eine solche Zeit durchleben musstest – ich hatte keine Ahnung, dass eine postnatalen Depression so lange andauern kann. Vielen Dank, dass du diesen Text mit uns teilst. Ich kann vieles davon nachempfinden. Auch ich habe meine erste Geburt verdrängt, nicht wahrgenommen, dass ich traumatisiert bin. Meine damaligen Gedanken im Wochenbett schmerzen manchmal noch heute. Noch heute kann ich kaum aussprechen, was ich damals gedacht habe. Manchmal schäme ich mich noch immer, wenn ich meinen Sohn sehe und an all die Tränen von damals zurückdenke. Ich habe ihn auch ab der ersten Minute geliebt, aber erst heute, nachdem ich die Zeit damals in der zweiten Schwangerschaft mit meiner Hebamme aufgearbeitet habe, kann ich ihm das sagen ohne mich für damals zu schämen. Danke, dass du den Mut hast, dieses Thema so auszusprechen. Es ist so wichtig! Und es ist so wichtig, dass es Menschen gibt, die Auch helfen können. Ich bin meiner Hebamme unglaublich dankbar.
    Alles Liebe, Franzi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.


error: Content is protected !!