Ich war ein Messie

Ich war ein Messie

Einleitung 

Der heutige Gastbeitrag stammt von Sandra, einer Bloggerin, Autorin und Instagrammerin, die ich sehr für ihren Mut und ihre Offenheit bewundere. Denn sie spricht über ein Thema, das immer noch ein großes Tabu ist. Ihre eigene Messie-Vergangenheit. “Messie”, das klingt wie ein Schimpfwort und wird oft auch so benutzt. Dabei ist das “Messie- Syndrom” eine Krankheit. Viele Betroffene schämen sich dafür und so kommt zu der Krankheit oft noch die soziale Isolation. Umso glücklicher bin ich über den heutigen Gastbeitrag und die sehr persönlichen Einblicke. Ich freue mich, wenn ihr diesen Text lest, respektvoll diskutiert, teilt und nicht verurteilt, sondern versteht und vielleicht sogar nachempfinden könnt. Für mehr Toleranz gegenüber Krankheiten, die man eben nicht sofort sieht.

 

Sandra

Hi! Ich heiße Sandra, bin 33 Jahre alt und ich war ein Messie. Warum, um alles in der Welt, teilt man eine so ekelhafte und unangenehme Vergangenheit im Internet? Was ist schon schlimm daran, ein Messie zu sein?

Einfach aufräumen und gut ist. Das denken viele.

Als ich meine Messie-Vergangenheit das erste Mal auf meinem Blog öffentlich machte, hat sich aber noch etwas gezeigt: In der Öffentlichkeit ist diese Thematik eigentlich ein Tabu und es herrscht viel Unwissenheit. Das gängige Bild eines Messies: irgendein kranker Irrer, der zu faul oder zu blöd ist, richtig aufzuräumen und sauber zu machen, stattdessen gerne Müll oder Unrat sammelt. Genau so werden Messies größtenteils auch in den Medien dargestellt. Einfach mal ne Putzkolonne durchjagen, bisschen Tacheles reden und es läuft wieder.

Man kann Messies natürlich in eine solche Schublade stecken, man wird ihnen damit aber nicht gerecht. Dem Messie-Syndrom liegen verschiedene psychische Krankheiten zugrunde. Manche Messies können sich von Dingen nicht trennen, andere horten Müll, wieder andere Tiere. Eines haben aber alle gemeinsam: sie sind krank und brauchen Hilfe.

Genau deshalb habe ich nicht aufgehört, meine Geschichte zu erzählen. Ich möchte mehr Bewusstsein für das Thema schaffen. Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu holen und Angehörigen zeigen, wie sie helfen können.

 

Der Anfang

Die Frage nach dem “Wie und Warum” wird mir besonders oft gestellt. Es ist eher ein schleichender Prozess gewesen. Eine Krankheit, die sich über die Jahre ausgebreitet hat und bei der ich irgendwann den Absprung verpasste. Ich war mit 15 in einer schlechten seelischen Verfassung. Ich hatte Probleme in der Schule, wurde von meinen Lehrern gemobbt (auch so’n Tabuthema) und bin in Folge dessen mehrmals sitzengeblieben. Zu dieser Zeit wohnte ich bereits in einer eigenen Mietwohnung, allerdings im selben Haus mit meinen Eltern, deren Wohnung für vier Personen aber zu klein war.

Meine Sommerferien verbrachte ich damals oft alleine zu Hause vor dem PC, weil ich in den neuen Klassen zu den jüngeren Schülern nur wenig Anschluss fand. So fing alles an. Immer häufiger packte ich Unrat und Müll in die leere Küche. Es gab dafür keinen sichtbaren Grund.

Ich fühlte mich alleine, wertlos, hilflos, überfordert. Der Müll war ein Abbild meines Seelenmülls.

Meine Eltern bemerkten damals irgendwann, dass die Küche voller Müll war. Wir räumten sie gemeinsam aus und damit war das Thema im Grunde vom Tisch. Bis ich 18 war, gab es keine größeren “Vorfälle” mehr. Oberflächlich sah alles einigermaßen ok aus. Dann nahm ich meinen Eltern den Schlüssel ab und von da an ging es stetig Bergab. Zwischenzeitlich versuchte ich das Problem nochmal selbst in den Griff zu kriegen, scheiterte aber. Nicht zuletzt, weil ich mich unsagbar schämte und nicht wollte, dass nochmal jemand davon Wind bekommt. Für Außenstehende war das immer absolut unverständlich und so hielt ich mich letzten Endes selbst für eine faule, alte Sau und kapitulierte.

 

Das Chaos wächst

Zuerst war es nur die Küche, die nicht mehr begehbar war.

Zum Schluss (ich war 24 Jahre alt) waren nur noch die Toilette, die Badewanne und das Schlafzimmer begehbar.

Die Antwort auf das Warum, ist dieselbe wie auf: Warum ist man depressiv? Warum hat man eine Essstörung? Warum verletzt man sich selbst? Warum hat man eine Zwangsstörung? Es hat immer seelische Ursachen.

Außerhalb meiner Wohnung war es “völlig normal”. In der Zeit zwischen meinem 18. und 24. Lebensjahr war ich oft mit Freunden unterwegs, ich habe meine Ausbildung gemacht und später gearbeitet.

Niemand hat etwas bemerkt und ich habe auch nie darüber gesprochen. Mit niemandem.

 

Der Tiefpunkt

In meiner Wohnung war es fürchterlich. Ich habe die meiste Zeit im Büro meiner Eltern am PC gesessen. Manchmal sogar heimlich dort geschlafen (das Büro war außerhalb der Wohnung).

Wenn ich in meiner Wohnung schlief, dann war ich immer komplett angezogen. Mit Schuhen, Jacke, Mütze, weil ich Angst vor Ungeziefer hatte.

Es war die Hölle und wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich oft, wie ich das überhaupt ausgehalten habe.
Auf den (miserablen) Fotos sieht man die letzten Müllsäcke aus meiner Wohnung damals und wie es unter meinem Bett aussah.

Das war 2010. Die schlimmste Zeit. Die Zeit, in der ich komplett angezogen schlief und der Großteil der Räume vermüllt war. Ich habe nicht mal Zugang zu meinem Kühlschrank oder Herd gehabt und ausschließlich auf der Arbeit gegessen oder mir Essen ins Büro meiner Eltern bestellt.

 

Das Umfeld

Wie das Umfeld reagiert hat? Gar nicht. Meine Eltern haben es zwar geahnt, kamen aber nicht an mich ran und ansonsten hat niemand etwas geahnt. Später, als alles vorbei war, waren alle schockiert. Es kam oft ein “Warum hast Du denn nichts gesagt” – aber genau DAS war ja das Problem.

 

Der Ausweg

Tatsächlich ist 2010 das passiert, von dem jeder Messie träumt: es kommt jemand und rettet Dich. Ich war gerade wenige Wochen mit meinem jetzigen Freund zusammen. Er hatte logischerweise geahnt, dass etwas nicht stimmt. Als ich eines Abends von der Arbeit nach Hause kam, war mein Flur Licht durchflutet.

Alle Türen standen auf. Ich war völlig schockiert und wusste, was das bedeutet: man ist mir auf die Schliche gekommen!

In gewisser Weise stimmte das auch: Er hatte in meiner Abwesenheit in den letzten Tagen meine gesamte Wohnung alleine ausgeräumt und mit dem Auto meiner Eltern zur Müllverbrennung transportiert. Damit löste er meine größte Angst einfach in Luft auf.

Ich muss heute noch jedes Mal weinen, wenn ich daran denke, wie unglaublich selbstlos er gehandelt hat. Er hat mich nie gefragt ob ich Hilfe brauche, mich verurteilt oder sonst irgendwie was. Er hat einfach so geholfen. Das war der Grundstein in ein neues Leben. Klingt total abgedroschen, aber so war es.

Mit seiner Unterstützung und professioneller Hilfe, in Form einer Therapie, habe ich es in den letzten neun Jahren geschafft, wieder normal zu leben. Es war ein Kampf, der sich gelohnt hat. Seit diesem Tag lebe ich bzw. leben wir in einer ganz normalen Wohnung.

 

Das Leben heute

In den letzten Jahren habe ich rigoros weiter ausgemistet und mich konsequent von allem getrennt, das ich nicht brauche. Für mich ist Minimalismus total erlösend. Je weniger ich habe, desto freier fühle ich mich

Auch heute merke ich in Krisensituationen noch, dass ich am liebsten alles stehen und liegen lassen und mich einigeln wollen würde. Der Unterschied zu damals ist aber: ich mache es nicht mehr und löse meine Probleme durch reden und handeln. Angst rückfällig zu werden habe ich keine. Ich weiß, was ich bis heute geschafft habe, dass ich meinen Seelenmüll anders verarbeiten kann und dass ich dafür die beste Unterstützung an meiner Seite habe, die ich mir nur wünschen kann.

 

Lösungen und Vorurteile

Der Müll ist ein Symptom, das man mit dem Aufräumen zwar beseitigt, aber die Ursache bleibt davon unberührt. Deshalb ist das nicht die Lösung des Problems. Zudem sprechen wir hier ja nicht von zehn Müllsäcken. Die könnte man natürlich “einfach mal aufräumen”. Aber einen ganzen Autohänger voll, einfach mal alleine aufräumen? Ohne dass jemand davon etwas mitbekommt?

Man müsste sich outen, das ist mit das Schwerste. Vor allem weil dieses typische Messie-Bild herrscht und man allzu oft als faul abgestempelt wird. Auch mir ist das passiert. Es ist nahe liegend.

Räum halt einfach mal auf und reiß dich zusammen!

Ich kann das irgendwie verstehen.

Nur leider hilft das nicht. Betroffene brauchen, neben der Hilfe beim aus-/aufräumen, vor allem professionelle Hilfe von einem Psychologen/Psychiater und viel Verständnis, auch wenn es schwer fällt.

Die Scham

Das Schlimmste ist die Hilflosigkeit, gepaart mit großer Scham und Angst. Man fühlt sich wie ein jämmerlicher Versager, ein Aussätziger. Lebt in ständiger Angst davor, dass irgendjemand was mitbekommt.

Man will etwas ändern, raus aus dieser Hölle aber man weiß irgendwann einfach nicht mehr, wie man das schaffen soll.

Betroffenen möchte ich sagen: ihr seid keine Aussätzigen. Keine „alte Dreckssau“. Ihr seid nicht alleine. Ihr müsst euch aber Hilfe holen und sie auch zu lassen– ohne geht es nicht. Vertraut euch jemandem an. Nehmt Kontakt zu Betroffenen auf. Es gibt Hilfegruppen und Foren, auch im Internet. Ihr braucht Verbündete! Und dann packt ihr es gemeinsam an.

Angehörigen möchte ich sagen: bietet Eure Hilfe nicht an, sondern werdet aktiv. Sagt nicht nur, dass ihr da seid, sondern SEID da. Zeigt Verständnis, hört auf zu verurteilen. Schreibt einen Schlachtplan. Sucht professionelle Hilfe, eine seriöse und sensible Entrümpelungsfirma oder stellt selbst eine Ausmistaktion auf die Beine. Das ist es, womit ihr helfen könnt.

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Mehr

Wenn du gerne mehr über Sandra erfahren möchtest findest du sie auf Instagram unter @diecheckerin.de . Und hier findest du ihren ursprünglichen Blogbeitrag oder ihr Youtube Video zum Thema.

Und ich würde mich natürlich sehr freuen, wenn du wieder hier auf meinem Blog vorbeischaust oder mich, Joanna (@frau.kakao.macht.tv) auf Instagram besuchst, wo ich neue Blogbeiträge immer ankündige. Falls du ein Thema hast, über das du gerne sprechen möchtest, schreibe mir unter kontakt@fraukakao.de.

 

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4 thoughts on “Ich war ein Messie”

  • Liebe Joanna,
    ich mag Dich ja schon auf Insta sehr, aber mit Deinem Blog hast Du mein Herz und Hirn komplett erobert. Danke, Danke, Danke für Blogbeiträge, die nicht alltäglich sind. Sensibel und mit viel Herz ausgesucht und geschrieben. Die Menschen eine Stimme geben, denen man sonst nicht zuhört. Die aufrütteln und aufmerksam machen. Zumindest mich. Und ich hoffe, noch viele andere. Chapeau!
    Liebe Sandra,
    Danke auch Dir für Deinen Mut, Deine Geschichte aufzuschreiben. Sie hat mich sehr berührt und ich freue mich unglaublich mit Dir, dass Dir geholfen wurde.
    Alles Liebe,
    Marion

    • Liebe Marion,
      vielen lieben Dank für deine Nachricht. Das freut mich sehr, dass Du die Beiträge mit so viel Interesse liest. Ich freue mich immer, wenn sie zum Nachdenken anregen.

  • Vielen Dank für diesen Einblick in eine Krankheit, die mir bisher absolut fremd war. Ich habe einen Messie in meinem näheren Umfeld und ihn immer dafür verurteilt. Das werde ich ändern. Ich habe mich bereits informiert, wie ich ihm helfen kann und mein erklärtes Ziel für 2019 ist: ihn retten.
    So wie dein Freund dich gerettet hat!

    Danke!

    • Danke für deinen Kommentar. Vielleicht kannst du ihm nicht “retten” aber zumindest helfen und zeigen, dass du ihn nicht verurteilst. Das freut ihn sicher sehr.

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