Schubladen, Klischees und Vorsätze. Und warum Instagram schlau macht.

Schubladen, Klischees und Vorsätze. Und warum Instagram schlau macht.

Das alte Jahr ist fast rum, das neue um die Ecke. Zeit also, sich Gedanken zu machen. Darüber was man erlebt hat. Wofür man dankbar ist und was man im nächsten Jahr vielleicht besser machen möchte. Ich nehme mir eigentlich nie so richtig was vor. Dieses Mal möchte ich es anders machen. Ich will aufräumen. In meinem Kopf.

Mit Vorurteilen.

Denn Vorurteile sind nicht nur dumm, sie machen auch dumm.

Warum? Das erkläre ich gleich ausführlich.

Ich will also Platz machen. Für Menschen, die herzlich und von Grund auf ehrlich und nett und offen sind. Die mag ich.

Doch muss ich dafür zunächst meine eigenen Handlungsweisen hinterfragen, verstaubte Schubladen leeren und eingefahrenen Mechanismen über Bord werfen.

Ich denke in Schubladen. Nicht bewusst. Nicht willentlich. Und doch tue ich es.

So wie wahrscheinlich 90% aller Menschen. Diese Zahl ist weder wissenschaftlich belegt, noch kann ich irgend einen schlauen Bericht zitieren. Sie ist eine reine Schätzung. Klingt aber gut und entspricht einfach meiner persönlichen Erfahrung mit der Spezies Mensch. Mich eingeschlossen.

Ich denke gerne von mir, dass ich sehr weltoffen, tolerant und frei von Vorurteilen bin. So wie wahrscheinlich die Meisten. Doch das ist Wunschdenken. Und selbst der toleranteste Mensch steckt andere doch unbewusst in Schubladen und Schablonen.

Die Verpackung bestimmt unsere Wahrnehmung des Inhalts. Das ist dumm und unfair. Aber so ist es.

Wir suhlen uns in unserer scheinbaren Weltoffenheit, sind im besten Fall, tolerant und neugierig anderen Kulturen gegenüber. Doch im nächsten Moment rollen wir mit den Augen, wenn die Freundin erzählt, sie wird jetzt Veganerin.

Selbst Dinge, die wir nicht selbst gewählt haben, wie die Wohngegend aus der wir stammen, unsere Herkunft, Familie oder gar der Name, den man uns gegeben hat, sind wie Stempel, die uns aufgedrückt werden. Sie beeinflussen, wie andere uns sehen.

Oldenburger Wissenschaftler haben beispielsweise herausgefunden, dass der Name sogar Schulnoten beeinflusst. Aufgaben, die unter dem Namen „Kevin“ eingereicht wurden, erhielten eine schlechtere Bewertung, als die gleichen Aufgaben eines „Maximilian“.

Doch warum ist das so? Ich denke, es ist wie ein Handlungsfaden an dem entlang  wir uns orientieren können.

Es ist der Wunsch auch Fremde sofort irgendwie einordnen und somit einschätzen zu können. Eine Schublade lässt Rückschlüsse auf den Charakter zu- und zwar ohne sich die Mühe des Denkens zu machen.

Wissenschaftler nennen das: Kognitiver Geiz.

Die Süddeutsche schreibt dazu:

„Um sich das Denken zu ersparen, greifen die Menschen zu Vorurteilen. […] Sie bestimmen unser Denken. Ihr Auftrag ist es, die Welt in simple Kategorien zu unterteilen- in Gut und Böse, schön und hässlich, anziehend und abstoßend. Vorurteile machen das Unüberschaubare überschaubar.“

Vorurteile ersparen uns also das Denken. Heißt für mich im Umkehrschluss:

Wer viele Vorurteile hat, ist denkfaul. Wer nicht gerne denkt, nutzt sein Gehirn nicht. Wer sein Gehirn nicht nutzt, ist oder wird dumm.

Wer also viele Vorurteile hat, ist dumm. Wissenschaftlich erwiesen, bestätigt von  Frau Kakao. Klar.

Aber inwiefern macht nun Instagram schlau, wie in der Überschrift angekündigt? Dazu und zu meinen persönlichen Erfahrungen komme ich gleich.

Natürlich möchte niemand als „Vorurteilsbehaftet“ also dumm gelten. Oder faul.

Und doch schleichen sie sich unbemerkt heran, die Vorurteile. Wie ein innerer Scan, der Menschen von oben bis unten abtastet und in Kategorien einteilt. Im Internet noch viel stärker und ungenierter als im echten Leben.

Denn hier kann man unauffällig beobachten, verfolgen und bleibt doch selbst unbeobachtet.

Ich selbst hasse es, gleich in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich habe erlebt, wie schnell das geht und wie schwer man da wieder raus kommt. Noch bevor man selbst auf Betriebstemperatur und eigentlich man selbst ist.

Und doch, allzu oft führen uns die eigenen, in unserem Unterbewusstsein versteckten, feigen Vorurteile in die Irre.

Unsere eigenen Schubladen und Vorurteile gaukeln uns vor, es wäre so einfach, jemanden zu beurteilen. Ohne große Mühe. Doch das ist ein Trugschluss. 

Ich jedenfalls ertappe mich immer wieder dabei.

Kürzlich bin ich auf Instagram auf ein Profil gestoßen. Das Profilbild, Typ Lara Croft. Schmollippen, Schnewittchengesicht mit langen, vermutlich künstlichen Lippen. Zack weg, weiter scrollen… passt nicht zu mir.

Nächstes Bild.

Das genaue Gegenteil. Typ Mama. Lebt ohne Erziehung ohne Regeln und stillt ein Kleinkind. In aller Öffentlichkeit. Schublade „so was tut man doch nicht“. Es ist mir fast peinlich hinzusehen. Zack, Schublade zu.

Dann noch eine.

Diesmal eine Frau mit Kopftuch, offensichtlich streng religiöse Muslima. Spricht gerne mal über ihren Glauben.  Mit der kann ich ja nicht viel gemeinsam haben. Zack weg.

Offen zugeben würde das natürlich niemand. Denn es gehört sich nicht. Und doch tun wir es. Bis wir eines besseren belehrt werden.

Drei Frauen, die ich nicht kenne, nur Sekunden gescannt und für langweilig, zu künstlich oder „aus einer anderen Welt“ befunden. Ich packe sie in meine Schublade. Zusammen mit all den anderen Vorurteilen, vorgefertigten Schablonen, die ich über andere Menschen stülpe um sie besser einschätzen zu können. So weiß ich wenigstens, was ich zu erwarten habe. Ist doch so. Oder? Schublade zu.

Doch irgendwas klemmt. Einen Spalt breit steht die Schublade offen, so dass ich gerade noch hineinsehen kann.

Im wahren Leben, würde ich mir jetzt wahrscheinlich keine Gedanken mehr machen. Nicht lästern aber auch nicht mehr groß darüber nachdenken. Ich würde in meiner eigenen kleinen Gedankenwelt bleiben. Da ist es schließlich schön und kuschelig.

Doch in der virtuellen-Instawelt kreuzen sich komischerweise unsere Wege immer wieder. Wir scheinen sehr wohl irgend etwas gemeinsam zu haben, sonst würden sie nicht immer wieder auftauchen. Gemeinsame Freunde, Interessen, Themen…

Was stört mich eigentlich? Sind es diese Frauen? Oder ist es, dass ich gelernt habe, dass „man“ sich nicht so verhält, weil „man“ sich „anzupassen hat“ um bloß nicht aufzufallen.

Bloß nicht aus dem Rahmen fallen. Sei es optisch oder durch das, was wir tun. Was aber wenn der Rahmen nicht passt? Wenn er das eigene Empfinden einschränkt?

„Was sollen bloß die Leute denken?“ Dieser verhasste Satz hat sich schon in der Kindheit eingeprägt und ist mir unbewusst in Fleisch und Blut übergegangen. Zeit ihn loszuwerden. Für immer. 

Ich bin neugierig… und öffne die Schublade. Diesmal schaue ich genauer hin. Höre zu. Lese, was sie zu sagen haben und bin erstaunt. Und verärgert. Über mich selbst. Weil ich so voreilig geurteilt und kategorisiert habe.

Ganz so wie ich es gelernt habe.

Ganz so wie Leute es bei mir getan haben.

Ganz so, wie ich es hasse.

Ich beginne nicht nur diesen, sondern ganz gezielt immer mehr Menschen zu folgen, die anders sind, als die in meinem Umfeld. Und sei es nur, um in eine Welt einzutauchen, die anders ist, als meine.

Und ich lerne, wie es ist, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Erhalte eine Ahnung, warum sie sind, wie sie sind.

Wie unsicher das Schneewittchen manchmal ist und mit wie viel Missgunst sie zu kämpfen hat. Dass sie nur ihren Oberkörper fotografiert, weil sie den Rest nicht mag.

Ich lerne, dass die Mutter selbst keine schöne Kindheit hatte und nun alles anders machen und ihrem Kind alles geben möchte. Ganz nach deren Bedürfnis. Solange es das möchte und nicht, solange es andere für angebracht halten. Eigentlich von der Natur auch so vorgesehen oder etwa nicht? Warum also war ich erst so abgeschreckt?

Und ich lerne, dass die Muslima einer der tolerantesten, lustigsten Menschen ist, den ich kenne. Und sogar über sich selbst und ihren Glauben lachen kann. Etwas, das viele andere nicht können. Ich mag sie.

Ich gehe hinüber zu meiner Schublade. Ich räume alles heraus, was sich darin befindet, betrachte es von allen Seiten und beginne von vorne.

Ich packe in meine Schublade Vorurteile, Neid und falsche Schablonen, die einfach nicht passen. Ich packe in meine Schublade alles, was schwarz-weiß ist. Weil Menschen nicht nur das Eine oder das Andere sind. Wir haben Facetten. Und unter der äußeren Hülle verbirgt sich nicht selten etwas völlig Unerwartetes.

Man kann nicht jeden mögen. Aber man ja jedem erst mal positiv begegnen. Es zumindest versuchen. Das jedenfalls möchte ich tun. Und in Zukunft noch viel mehr.  Weil das die Art von Mensch ist, die ich mag und der Mensch, der ich sein möchte.

Und wenn wir  jemanden beurteilen, sollten wir ihn nicht zumindest erst mal kennenlernen?

Hallo. Ich bin Joanna. Und wer bist Du?

 

 

 

 



7 thoughts on “Schubladen, Klischees und Vorsätze. Und warum Instagram schlau macht.”

  • Sehr schön und ausführlich berichtet liebe Joanna!
    Den Menschen immer eine Chance geben . Und erstmal in Ruhe kennenlernen und die Vorurteile ausräumen.
    Ich lese gern hier. Du erscheinst mir so neugierig auf die Menschen zu sein. Das mag ich. Sehr sympathisch und echt. Weiter so!! Lieben Gruß vom Niederrhein
    Anne

  • Warum nur sind mir die liebe Melisa und Nicolette gleich in den Sinn gekommen? Schön geschrieben und so wahr. Leider gibt es auch genau die andere Seite der Medaille auf Instagram. Man kann in diesen kurzen Schubladen-Sequenzen auch jemanden darstellen, der man gar nicht ist. Meiner Meinung nach besteht die Kunst darin, auf sein Bauchgefühl zu vertrauen und eben einfach immer zweimal hinzugucken. So findet man manches Mal eine Perle oder trotz des vermeintlich schönen Anblicks eine leere Muschel…

    Alles Liebe <3

    • Ganz genau, man muss einfach genau hinsehen. Manchmal sind es die Leute, die gehypt werden und als „schön“ gelten, die sich bei näherem Hinsehen als „hässlich von innen“ entpuppen. Und andererseits ist nicht jeder, der „schön“ ist nur hohl. Danke für Deinen Kommentar. PS: Diesmal ist nicht Nicolette gemeint. Aber bei ihr ist es natürlich genauso.

    • Ganz genau, man muss einfach genau hinsehen. Manchmal sind es die Leute, die gehypt werden und als „schön“ gelten, die sich bei näherem Hinsehen als „hässlich von innen“ entpuppen. Und andererseits ist nicht jeder, der „schön“ ist nur hohl. Danke für Deinen Kommentar. PS: diesmal ist nicht Nicolette gemeint

  • Erst habe ich es nicht gemerkt, aber dann bei den Zeilen: lacht über sich und ihren Glauben – da hat es dann Klick gemacht *lach* ach irgendwann muss ich mal vorbeikommen mit einem Kakao und dich einfach nur ganz fest drücken.

  • Frau Kakao, ich gebe dir recht. Wir stecken in Schubladen, weil wir es nicht besser wissen, dabei ist es so viel schöner sich mal die Dinge selber anzusehen, auf „Entdeckungsreise“ zu gehen und uns selber ein Bild zu machen – so macht das Leben doch Spaß (okay, man muss jetzt nicht in ein Löwengehege gehen, wenn der Zoowärter sagt, der Löwe sei ein Fleischfresser). Vielen Dank für den wundervollen Blogbeitrag, ich lese es immer so gerne! Guten Rutsch ins neue Jahr!

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