Ich bin noch da

Ich bin noch da

Das auf dem Bild bin ich. Der Krebs konnte mir meine Haare nehmen. Meine Weiblichkeit. Meine Jugend. Nicht aber meinen Willen zu überleben. Was am Ende bleibt: Dankbarkeit. Dankbarkeit hier zu sein. Meistens. 

 

***

Fangen wir vorne an. Mein Name ist Friederike und ich bin nun 31 Jahre alt. Auf den Tag genau vor 16 Jahren, am 30. November, erhielt ich nach einem wochenlangen Ärztemarathon die Botschaft, vor der wohl die meisten aller Menschen Angst haben.

 

Krebs. 5 Buchstaben, die das Loch unter dir so groß werden lassen, dass du erstmal nur fällst. Und fällst und fällst.

 

Und am Ende warten sie auf dich. Die Ärzte in grün mit ihrem giftigen Zeug, was dir die Gesundheit bringen soll. Was die bösen Zellen töten und dich leben lassen soll. Da stehen sie und fangen dich auf. Schaffen sie es nicht dich zu tragen, bist du tot. Von jetzt auf gleich. Im besten Fall. Im schlechtestes nach wochenlangem Kampf. Vorweg: ich habe gewonnen. Sonst könnte ich diesen Text nicht schreiben.

 

Es könnte ein Text werden, der zeigt, wieviel Stärke in mir war. Was ich geschafft habe. Wie rosig das Leben sein kann, nach so einem Sieg. Aber noch immer, nach so langer Zeit wird es mir panisch bei dem Gedanken an die damalige Zeit. Heiß. Und kalt. Bilder und Gefühle schießen in meinen Kopf. Ich habe das Recht auch zu sagen, wie scheisse und unfair sich das alles angefühlt hat. Und noch manchmal heute fühle ich mich ungerecht behandelt. Vom Leben. Ich muss das mal rauslassen. Ob das hier der richtige Ort und die richtige Art und Weise ist, weiß ich nicht.

 

Ich wünsche kein Mitleid. Keinen Applaus. Nur ein, vielleicht zwei Ohren. Die das hören und lesen. Und mich damit ein kleines bisschen näher kennen und in manchen Situationen verstehen lernen. 

 

Die Angst, es könnte wieder passieren ist an manchen Tagen allgegenwärtig. Genau dann, wenn ich mich wieder schlapp fühle. Zu schlapp zum Leben. So wie damals.

 

Ich war 15 Jahre jung. In der Blüte meines Lebens. Mein Leben bestand aus Schule, Freunden, Sport und meiner Familie. Ganz normal in diesem Alter. Die ersten Parties wurden besucht. Die ersten Flirts. Ich war ein Spätzünder. Es war ein schönes Leben. Doch irgendwann hatte es angefangen. Es ging mir schlechter und schlechter. Nach der Schule schlief ich den ganzen Nachmittag. Stand nur zum Abenbrot wieder auf, um direkt danach wieder einzuschlafen. Ich wurde an der Nase operiert. Denn das ständige Nasenbluten führte dazu, dass mein HB Wert am unteren Limit war. Ich hatte kaum noch rote Blutkörperchen in mir. Das dachten zumindest die Ärzte.

 

Was sie eine Woche nach der OP fanden, kam für alle Beteiligten überraschend. Krebs. Diese kleinen und großen Knoten. Vom Hals bis zu den Hüften. Sie waren überall. Egal wo der Ultraschallkopf hinwanderte, blitzten diese fiesen weißen Knoten auf.

 

Das anschließende Bild aus dem Computertomografen sah aus wie ein Minenfeld aus dem 1. Weltkrieg und brachte das ganze Ausmaß zum Vorschein.

 

Kein Fleckchen meines doch so jungen Körpers blieb verschont. Was nach der Diagnose folgte?

OP.

Die Therapie.

Chemotherapie. 

Sechs Monate lang.

Tagein, tagaus, ein Tablettencocktail.

 

Der Gedanke daran, lässt mich noch heute würgen.

 

Und dann: Dieses giftige rote Zeug, was sie stundenlang in meinen Körper gepumpt haben. Die vermummten Ärzte. Keiner wollte mit dem Medikament in Berührung kommen. Es tötet einfach alle Zellen deines Körpers. Auch die gesunden. Du fängst an zu kotzen. Dein Urin. Dein Stuhl. Alles ist rot. Du leuchtest von innen. Rot wie eben dieses Zeug, was da nun in dir wütet. Dir nehmen soll was da nicht hingehört, dir aber auch das nimmt, was du gerne hast. Was zu dir gehört.

 

Mitten in der Pubertät seine Haare zu verlieren, ist, als würde man einem heranwachsenden Mädchen die Identität nehmen. Haare ab – vom Mädchen zum Jungen. Klingt heute selbst in meinen Ohren lächerlich unbedeutend. Aber damals. Puh. Mein Herz schlägt gerade jetzt schneller. In der Wanne fielen die ersten Haare aus. Das Wasser war voll damit. Meine rechte Hand fuhr durch die nassen Haare und war danach unter dem Haarbüschel nicht zu finden.

 

Ich setzte mich vor den Spiegel und rasierte mir meine Glatze. Zentimeter für Zentimeter verwandelte sich das mir so bekannte Gesicht zu einem anderen Menschen. Dieser Mensch sollte ich also nun sein.

 

Aufgequollen von Medikamenten. Glatze. Wer war das, den ich da im Spiegel sah? Wer konnte ich noch sein? Wer wollte ich sein? Fremd. Gefangen in einem Körper, den du abstoßen möchtest ,weil er dir das Leben zu nehmen scheint. Du gehörst nicht mehr dazu. Rein optisch nicht.

 

Die meisten Freunde haben sich aufgrund von Unwissen aber auch Angst von mir abgewendet. Das weiß ich heute. Aber damals? Damals war diese Abwendung, dieses alleine lassen, als würde dir das letzte Stückchen Glück genommen werden. Monatelang fühlte ich mich abstoßend und allein. Entweder im Spital oder daheim. Die Einsamkeit durchfrass mich. Die Wochen zogen ins Land. Ich wurde in einem normalen Krankenhaus behandelt. Es gab keine dieser Krebsstationen, die man häufig im TV sieht.

 

Es gab dort niemanden, mit dem ich meine Gedanken teilen konnte. 

Niemand, der ebenso keine Haare hatte.

Niemand, der ebenso vom vielen Kortison aufgequollen war.

Niemanden, der dem Tod näher war als dem Leben.

Niemanden, der so war wie ich.

 

Ich war dort diejenige, auf die alle geschaut haben. Die Andere. Die Kinder, die ihre Mandeln entfernt bekommen haben. Oder die, die sich ein Bein gebrochen haben. Alle schauten auf mich. Ich gehörte auch zu ihnen nicht dazu. Häufig fragte ich mich, wer oder was ich eigentlich war. Das sonst so selbstbewusste Mädchen wurde immer kleiner.

Und fing an eine Mauer zu bauen.

Eine Mauer, die noch heute besteht. Die Angst, von anderen enttäuscht, verletzt oder verlassen zu werden ist allgegenwärtig.

 

Freundschaften knüpfen und Vertrauen zuzulassen, ist jedesmal eine Hürde. 

Liebe zum eigenen Körper zu empfinden, eine tägliche Herausforderung.

 

Dieser Krebs.

 

Er hat soviel mit mir gemacht. Mich nachhaltig geprägt. Im positiven, aber leider auch im negativen Sinne. Und natürlich werden einige den Kopf schütteln und sagen: sei doch froh, dass du noch lebst. Dankbar, dass es diese Art der Medikation gab. Sei doch froh, gesund zu sein. Dankbar und Demut soll ich empfinden. Das tue ich auch. An den meisten Tagen.

Zu dieser Geschichte gehört aber eben auch das Leid, welches mein Körper, mein Ich, durchstehen musste. Die Narben, die geblieben sind. In der Seele und am Körper. Ich möchte keine Ängste schüren. Kein Mitleid. Ich erwarte nichts. Warum ich davon schreibe: weil es MIR gut tut.

 

Ich hoffe irgendwann die Narben nicht mehr zu sehen. Die Angst ablegen zu können. Selbst hinter einem glatzköpfigen Lächeln kann Angst, Einsamkeit und Schmerz stecken.

 

*Friederike auf dem letzten noch existierenden Foto aus der Zeit. Entstanden kurz nach der letzten Chemotherapie, als die Haare bereits wieder zu wachsen beginnen*

 

Was ich mit meiner Erkrankung heute anders machen würde: mein Schutzschild nicht allzu groß aufbauen und mehr zulassen. Zulassen und meine Angst zeigen. Denn das habe ich damals nicht. Was andere über mich sagen würden: ein starkes kleines Ding, was trotz dieses miesen Schicksals das Lächeln nie verloren hat. Die Wahrheit: Hinter diesem Lächeln steckten viele, viele Tränen.

 

Mein Motto damals und auch heute: ich lächle auch wenn ich traurig bin. Das Schild ist einfach zu groß. Groß gewachsen. 

 

Er hat mir soviel genommen. Dieser Krebs. Meine Freunde. Meine Gesundheit. Mein Unbeschwertheit. Und am Ende sogar meine Familie. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine Geschichte aus meinem Leben, wie sie bisher nirgends stand.

 

Was am Ende bleibt? Neben der Angst? Die Gewissheit, dass ich es wieder schaffen könnte. Wenn aus Angst Wahrheit wird

 

 

***

Ich habe meine Gedanken aufgeschrieben. Als mich meine Joanna fragte, ob ich zu meiner Krankheit schreiben möchte, sagte ich ja und machte mich auf die Reise. Immer mit dem Wissen, Ihre Unterstützung und haltende Hand zu haben. So begann ich zu tippen und stockte zwischendurch.

 

Wilde Gedanken sammelten sich aneinander.

Tränen flossen. 

Knoten in meiner Brust zogen sich zu. 

War das wirklich mein Leben? Bin das wirklich ich gewesen?

 

Ich schrieb und dann irgendwann platzten sie- die Knoten. Es wirkt befreiend. Für mich.

 

Ein bisschen habe ich Angst, dass der Text mitleidig wirkt. Dabei wollte ich einfach mal los- und rauslassen. Schwäche zeigen. Zeigen, was hinter meinem Lächeln eben auch steckt.

Geschichte.

Geschichten, wie sie nur das Leben bereit hält.

 

Danke Joanna.

Liebe Friederike, ich danke Dir für diesen wundervollen Text, der mich sehr bewegt hat. Du (be)rührst mein Herz. Immer wieder. Durch Deine Worte. Dein Gefühl. Und einfach, weil Du DU bist. Ich hab Dich lieb.

 

Wenn Ihr gerne mehr über Friederike erfahren wollt, folgt ihr auf Instagram unter @growingbelly oder unter ihrem Nähshop @gluexwurm.

 

 

 

 



22 thoughts on “Ich bin noch da”

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  • Hey. Ich habe dich durch Zufall „entdeckt“ ich war auf der Instagram Seite von piepmadame. Du hast etwas kommentiert und ich habe dich gesehen. Dein insta Profil gelesen. Ein paar Beiträge. Du kamst mir „bekannt“ vor. (1/4 eben). Dann las ich, dass du was über dein Leben schreiben willst. Ich musste nicht viel lesen. Nach einem Satz wusste ich, dass es Krebs ist worüber du schreiben wirst. Dein Krebs. Dein Leben.
    Ich kenne das. Alles. Nicht weil ich es erlebt habe. Sondern der wichtigste Mensch in meinem Leben.

    Warum ich hier schreibe?! Das weiß ich nicht. Weil es hilft. Dir und mir. Krebs ist scheisse. Angst vor Krebs auch!
    Sei stark!
    Immer!

    Eva

  • Liebe Friederike,
    was für eine ergreifende Geschichte. Als Kinderärztin habe ich eine leider sehr genaue Vorstellung von der Erkrankung, die in so jungen Jahren wie ein Tsunami über Dich hereingebrochen ist. Ich weiß jedoch nicht nur, wie es sich anfühlt, „auf der anderen Seite“ zu stehen, sondern habe durch die Krebserkrankung einer sehr nahen Familienangehörigen miterlebt, was mit und in einem Menschen während und nach einer solch schweren Erkrankung, passiert. Wie hart der Kampf für den Betroffenen ist und wie tief die seelischen und körperlichen Narben sind, kann ich nur erahnen. Ich freue mich sehr, dass Du als Sieger aus diesem schweren Kampf hervorgegangen bist und dass Du mit dem Schreiben über Deine Geschichte ein Ventil gefunden hast welches Dit gut tut. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Deine Narben mit der Zeit verblassen und Du die Leichtigkeit wiederfinden kannst.
    Alles Gute,
    Snjezi

    • Lieben Dank für deine Worte. Ich hatte damals einen ganz ganz tollen Kinderarzt an den ich mich gerne erinnere. Für ihn war ich die erste Krebskranke und wir sind den Weg damals gemeinsam gegangen. Mein engster Vertrauter. Mit 15. ich bin sehr dankbar, dass es ihn gab. Und ich wette, deine Patienten denken auch das von dir. Ich hoffe, du musst in deinem Leben keine nahstehende Person mehr mit dem Krebs teilen. Und selbst wenn, es kann immer Sieger geben!

      • Liebe Friederike,
        wie toll, dass Du einen so wunderbaren Kinderarzt an Deiner Seite hattest. Der engste Vertraute in einer solchen Situation zu sein, ist etwas ganz Besonderes. Ich glaube, nein, ich bin davon überzeugt, dass sich jeder Kinderarzt eine solche Bindung zu seinem Patienten wünscht. Und wenn ich „meinen“ kleinen Patienten einen kleinen Bruchteil von diesem Gefühl vermitteln kann, dann empfinde ich es als echtes Geschenk. Weiterhin alles Liebe und Gute für Dich.
        Herzlichst
        Snjezi

        • Zum Glück gibt es so engagierte Kinderärzte. Das muss ein tolles Gefühl sein, wenn man wirklich helfen kann. Vielen Dank für Deinen Kommentar.

  • Liebe Friederike,
    DANKE…Danke das du da bist und so bist wie du bist oder geworden bist….du bist genau so, mit deinen Schwächen und Ängsten und deiner Vergangenheit eine tolle Frau und Persönlichkeit…Eigentlich möchte ich noch so Vieles sagen, aber mir fehlen schlichtweg die Worte, sorry, kann es nicht so gut verpacken wie du, meine ausdrücken…ich habe dich vor einiger Zeit bei Instagram gefunden und freue mich immer riesig deine Stories oder Kommentare und auch Bilder zu betrachten und zu lesen…ich finde dich einfach zauberhaft mit deinen, dich ärgenden Löckchen (sage nur „Engelshaar“ 🙂 , und deinem Lächeln, einfach alles….schön das es dich gibt und du mittlerweile so tolle Freunde wie z.B. Joanna gefunden hast, die finde ich auch fantastisch und ehrlich, egal um welche Themen es geht…schicke euch ganz liebe Grüße und 100000000 gute Gedanken und Wünsche…Andrea

    • Liebe Andrea ich danke dir für deine Worte! Dafür dass du seelischen Ballast von vermeintlich fremden annimmst und Mut aussprechen kannst. Ich freue mich dass du da bist.

  • Liebe Friederike…Tränen kullerten! Es macht mich sehr traurig, dass du in deinen jungen Jahren sowas durchmachen müsstest! Für mich ist das die schlimmste Vorstellung !
    Ich bin sehr froh, dass du gesund geworden bist! Du bist wirklich ein sehr besonderer Mensch und ich bin froh das ich dich gefunden habe!!! Fühlt dich ganz doll gedrückt !!!

  • Meine Liebe, schon eine Weile folge ich dir auf Instagram und hab mich oft gefragt, welche Geschichte dein Leben wohl geschrieben hat. Danke, dass du ein Stück mit uns teilst. Das wohl prägenste Stück neben der Geburt eures Kindes. Und nein, Mitleid lese ich nicht. Sondern Ehrlichkeit. Worte die das Herz treffen. Und traurig machen. Und unendlich glücklich, weil du es überlebt hast. Obwohl alles dagegen sprach. Und jetzt Leben darfst. Ich wünsche dir von Herzen, dass du frei werden darfst von der Angst, die noch immer ein Begleiter ist. Alles Liebe,Hanna aus dem @zauberderberge Haushalt

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