Mama braucht ein Update

Mama braucht ein Update

Die aktuelle Version hat ’nen Bug. Die taugt nicht. Ich brauche ein Update. Energiegeladen, strahlend schön und gelassen. Immer und überall. Und dabei bitte nicht so störanfällig für persönliche Empfindsamkeiten.

Die perfekte Mama. Ganz ohne Mimimimi, immer mit einem Lächeln auf den Lippen und Feuchttüchern in der Tasche. So stelle ich sie mir vor. Und ich gebe es zu, ich wäre auch gerne ein bisschen mehr so.

Bin ich aber nicht. Also manchmal schon. Aber jetzt gerade sitze ich an meinem Computer und bin einfach nur fertig. So richtig. Das zuzugeben, ist als Mama schon irgendwie ziemlich riskant. Das ist irgendwie so, als wenn man früher die Backstreet Boys doof fand oder sich als Veganer outet. Das ist genauso inakzeptabel wie als Ü-30 Frau zu sagen „Och, Kinder sind (noch) kein Thema“. Das bietet reichlich Zündstoff und kommt einer unausgesprochenen Aufforderung zum Kopfschütteln bei denen gleich, die solche Gefühle niemals haben [oder sie nie laut aussprechen würden]. Die Bilderbuchmamis.

Aber das Leben ist nun mal kein Märchen. Meins jedenfalls nicht. Vielleicht auch ganz gut so. Die der Brüder Grimm waren ziemlich gruselig manchmal. Aber das ist nicht das Thema.

Ich sitze gerade an meinem Computer, es ist Sonntag Abend und ich fühle mich wie gerädert. Die Worte „Wochenende“ und „Erholung“ klingen wie Hohn in meinen Ohren. Seit zwei Wochen etwa läuft es hier gar nicht rund.

Schulferien, Kinderkrankheiten und eine gesundheitlich selbst angeschlagene Mami, die aber trotzdem Haupt-Ansprechparter ist, das alles schlaucht. Alle paar Minuten klingt das liebliche „Mama! Mamaaa!“ in meinen Ohren. Ein Fulltimejob. Manchmal ohne Ruhepause. Eigentlich fast immer. Bei jedem anderem Job stünde die Gewerkschaft oder der Personalrat oder sonstwer auf der Matte aber die Mama-Gewerkschaft lässt noch auf sich warten. Ok, die sind wohl alle grad‘ beschäftigt.

Und ich sitze hier und frage mich, ob „man“ das eigentlich so schreiben darf. Ob ich es aussprechen oder überhaupt denken darf: „Ich bin erschöpft“.

Oft schreibt Ihr mir Dinge wie, „Du bist so eine tolle Mama“. Klar, freue ich mich darüber. Aber auch ich bin nicht ansatzweise so perfekt, wie Ihr vielleicht denkt oder wie ich selbst gerne wäre. Heute habe ich meine Kinder angeschrien. Das war Scheiße. Muss man so sagen. Nicht, weil sie besonders „böse“ waren, sondern einfach weil ich zu erschöpft war, schon wieder irgendetwas zu klären. Schon wieder zu erklären, warum der Fernseher kein gleichwertiger Ersatz für Rausgehen oder spielen ist, schon wieder zu erklären, warum Nutella kein Grundnahrungsmittel ist und es ein Mal am Tag völlig ausreicht. Ich habe meine Stellung ausgenutzt und einfach gesagt [ok eher geschrien] „So wird das jetzt gemacht! DARUM!“ Und vielleicht hab ich auch ein bisschen geflucht und bin jetzt schuld, dass meine Kinder in Schule und Kindergarten mit Begriffen wie  verd***e Besch*****e und ***jhjkhyvhx um sich werfen. Ich bin nicht stolz drauf aber ich hab’s gemacht. Und mich hinterher bei Ihnen entschuldigt. Und Ihnen erklärt, dass es nicht Ihre Schuld war. Das macht es aber nur minimal besser.

Das ist nicht, wie ich sein möchte. Der Akku war einfach leer. Normalerweise lade ich den auf, indem ich einen Vormittag in der Woche nur für mich frei halte. Aber der ist diesmal flach gefallen, ebenso der Samstag. Ein Tag, an dem normalerweise zumindest noch ein zweiter Ansprechparter da ist, denn einen Papa gibt‘ s ja auch noch. Doch der hat sich diesmal das komplette Wochenende zum Fußball verabschiedet. Und unter der Woche auch.

Und ich frage mich unwillkürlich: Wie stemmen das eigentlich Alleinerziehende? Sie haben einfach keine Wahl. Und ich habe höchsten Respekt vor ihnen und schäme mich im gleichen Moment dafür, dass ich so schwach bin, wo ich doch „nicht mal alleine“ bin.

Und doch ist es so. Wenn alle Zahnrädchen immer schön ineinander greifen und die Maschinerie „Familie“ läuft, klappt es super. Dann tanke ich auf, hole mir Ausgleich und genieße im Gegenzug die Zeit mit meinen Kindern in vollen Zügen. Dann freue ich mich über Ihre Geschichten und ihr Geplapper, darüber wie kreativ und phantasievoll sie sind. Ich habe wirklich „pflegeleichte“ Kinder. Musterkinder, könnte man sagen. Ich will sie gar nicht anders haben. Sie sind perfekt. Doch wenn ein Rädchen hakt, jemand krank ist, der Babysitter ausfällt, ein Kind gerade mal eine von den Eltern heiß geliebten „Phasen“ durchläuft, braucht man einfach doppelte Kraft. Und manchmal weiß ich einfach nicht, woher ich die grad nehmen soll neben Haushalt und Job. Mimimi…

Ja, ich habe es so gewollt und will es noch. Würde ich es wieder tun? Hochstwahrscheinlich. Wusste ich wirklich, worauf ich mich einlasse? Nein!

Ich habe gedacht, ich wüsste es. So wie man denkt, man weiß, wie schwierig abnehmen ist, bis man seine erste Diät beginnt. Ich hatte ja keine Ahnung. Warum warnt einen niemand? Klar, dass man Anfangs mit Kind nicht viel Schlaf bekommt, sagt jeder. Aber an dieser Stelle hören die Warnungen schon auf. Wie ein Disney Film, wenn sich der Prinz und das Mädchen endlich bekommen. Aber wo bleibt die Fortsetzung? Schon mal eine gesehen?

Was passiert, wenn Aschenputtel im Mama-Dutt und mit schreiendem Kind zu Hause hockt und der Prinz lieber jagen geht?

Wer ein Kind möchte, um seine angeschlagene Beziehung zu kitten, sei an dieser Stelle gewarnt. Nichts ist so unsexy wie ein Kind. Wenn Schlafmangel und Hormone der Beziehung nicht den Garaus machen, ist es spätestens die Erschöpfung. Man ist nicht mehr das Paar, das man vorher war- wird es wahrscheinlich nie wieder. Aber wenn man Glück hat vielleicht einfach eine neue, andere Version. Aber, ihr ahnt es schon, auch das ist Arbeit und kostet Energie.

Leider gibt’s Familienglück nicht im Appstore. Vielleicht braucht es manchmal einfach nur ein Update?

Bei manchen Frauen geht das automatisch. Da kommt das Baby und schwupps, sind die eigenen Bedürfnisse wie ausradiert, als hätte es die nie gegeben. Zumindest behaupten die das. Manchmal wundert man sich dann schon, Jahre später, wenn dann die gleiche „Bilderbuchmutter“ heulend von völliger Erschöpfung und Ehekrise berichtet. Aber es gibt sie sicher auch, die Mütter, die darin ihre einzige Erfüllung finden. So eine würde ich gerne mal treffen und nach ihrem Geheimrezept fragen. Vielleicht gibt’s das gar nicht. Denn wir sind alle verschieden. Jede hat andere Bedürfnisse und Träume.

Vielleicht muss ich einfach nur aufhören alles perfekt machen zu wollen. Vielleicht sollte ich die Märchenbücher verbrennen und meine eigene Geschichte schreiben. Da kauft sich die Prinzessin einen Computer und tobt sich kreativ beim Schreiben aus. Und der Prinz kriegt virtuell sein Fett weg und kommt reumütig und mit einer Schachtel Pralinen zurück um die Kinder zu bespaßen, während die Prinzessin ein ausgiebiges Bad nimmt. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Und während ich hier so sitze und über klischeebehaftete Märchen,  ein kompatibles Update für mein Betriebssystem und einen neuen Mama-Akku nachdenke, stöbere ich durch mein Handy. Und da sehe ich sie, meine Instagram-Familie, fernab von all den perfekten „White-Living“ und „Happy-Momlife“- Accounts. Nein meine Instagram-Familie [und wenige WhatsApp-Mamas] sind die Menschen, die auch mitten in der Nacht ansprechbar sind, weil sie selbst vielleicht nur drei Stunden Schlaf am Stück bekommen. Es sind die, die schöne Bilder mögen aber ebenso offene Worte. Es sind die Menschen, die mein Gedanken-Kakao interessiert oder die zumindest netterweise so tun, als ergebe das alles einen Sinn.

Und ich lese, wie sie blödeln, lachen, zusammen weinen, sich gegenseitig unterstützen und auch mal ordentlich schimpfen.

Ich lese wie sie ohne Scheu von Kinder-Radau,  verstaubten Regalen und verstaubtem Liebesleben schreiben und ich weiß, ich bin nicht alleine. Und dafür danke ich Ihnen.

Familie ist eben keine Rosa Seifenblase. Familie ist auch Erschöpfung. Und Verantwortung, die manchmal beängstigend ist. Aber vor Allem ist Familie eines. Sie ist es wert. Sie ist ein warmes Gefühl im Bauch und im Herzen. Für mich ganz persönlich. Scheiß auf den Akku. Wozu gibt’s Kaffee? Und Gin-Tonic.

 



4 thoughts on “Mama braucht ein Update”

  • perfekte Mama ist irgendwie so ein „Unwort“. Finde ich. Und Mama sein ist so ein harter Job. Ich bin absolut für eine Gewekschaft. Und ich finde es schön, wenn du so offen über deine persönlichen Gefühle über das Mamasein an sich mit uns teilst. Das sollten viel mehr. Denn das Mamasein wird viel zu sehr idealisiert. Ich bin auch erschöpft. Dabei habe ich hier nur ein kind. Ich bewundere Mütter mit mehreren Kindern und erst recht alleinerziehende Mamas. Aber es ist ja so, man wächst an seinen Herausforderungen. Und das tun wir auch. Aber wir dürfen auch erschöpft sein. Und mal gerne allein sein wollen. Alles legitim und sagt absolut nicht darüber aus, was für eine Mama wir sind. Ich drück dich, Liebe Joanna😘

    • Ach Viddy, schön, dass Du es als das siehst, was es ist:eine Momentaufnahme. Eine Phase. Und ja, manchmal sind die sehr anstrengend. Aber natürlich lieben wir unsere Kinder unendlich. Und gerade liegt die Kleine neben mir und ich drücke ihr einen Kuss auf die Stirn. Und wenn mir mal nach mimimi ist, dann schreibe ich eben darüber. Danke dafür, dass Du auch nicht zu denen gehörst, die nur über Einhörner und Regenbögen schreiben. 😊

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