Digital wird real…und die Emotionen fahren Achterbahn

Digital wird real…und die Emotionen fahren Achterbahn

Ich bin die, die gerne lacht. Ich mag’s bunt und fröhlich. Das bin ich.

Aber ich bin auch die, die oft zweifelt. Die vergleicht und aufsieht zu anderen. Zu den schönen, lustigen, kreativen Menschen, die ich täglich auf Instagram und in verschiedenen Blogs sehe. Und dann wäre ich gerne ein bisschen mehr wie sie. Beliebt, wie das süße lustige Mädchen, das auf Partys alle zum Lachen bringt. Wie die Kreative, Feinfühlige, die mit Ihren Bildern und Texten verzaubert. Wie die Coole, Lässige, die mit sich im Reinen ist, immer einen lockeren Spruch auf Lager hat und an der scheinbar alles abprallt.

Und dann kam er, der Tag, an dem ich all diese Menschen, die mich täglich inspirieren, treffen sollte. Ein riesiges Treffen, zu dem 150 Instagrammer aus ganz Deutschland eingeladen waren- und ich.

Ich hatte mir vorgenommen, alles richtig zu machen.

Wenn eine Geschichte so beginnt, ahnt man schon, dass die Sache schiefgeht. Ich hatte mir also vorgenommen, auf diesem Event, von dem alle sprachen und auf das ich monatelang hingefiebert hatte, alles „richtig zu machen“. Ich wollte Spaß haben und ihn mit den Menschen teilen, die mich begleiten und mit denen, die über Instagram zuschauen. Doch gleichzeitig wollte ich den Abend nicht verstreichen lassen, ohne meinen Inspirationsquellen zumindest „Hallo“ zu sagen. Ok, das ist untertrieben. Gehofft hatte ich in Wahrheit, all diejenigen, denen ich folge, auch persönlich kennenzulernen und neben üblichem Smalltalk ein „inspirierendes“ Gespräch zu führen. Eines von der Sorte, das beiden in positiver Erinnerung bleibt und bei dem hinterher beide denken: „Wow! Warum hab ich nur vorher nicht gemerkt, dass sie so cool ist?“ Oder zumindest „Ja, genauso habe ich mir Dich vorgestellt“.

Und eine Sympathie, die im Internet begann, wird zu einer großen Liebe im realen Leben. Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende.

Ok, jetzt geht meine Phantasie mit mir durch. Aber ihr versteht, was ich meine.

Und dann gab es da noch die handvoll Menschen, die ich ganz besonders mag. Warum? Weil sie mich so lange schon begleiten, inspirieren, zum Lachen bringen und auch zum Weinen. Weil wir persönliche Nachrichten ausgetauscht haben. Weil sie mich täglich von meinem Handy begrüßen und ich dadurch das Gefühl habe, sie schon zu kennen… So wie wahrscheinlich etwa zehntausende andere Menschen, die ihnen  folgen. Ok, weiß ich ja selber. Um also jetzt im Gedächtnis zu bleiben, reicht „nett“ nicht. Nett ist ja bekanntlich der kleine Bruder von Scheiße. Ich musste besonders lustig, besonders schlagfertig oder zumindest irgendwie „besonders“ sein… Dachte ich. Und das auf Knopfdruck. Und genau hier trennen sich Wunschvorstellung und Realität.

Es kam also wie es kommen musste: statt inspirierend und cool war ich stocksteif, verkrampft und kein bisschen witzig. Dabei hab‘ ich doch Humor, glaube ich jedenfalls. Doch je mehr ich mich über mich selbst ärgerte, desto schlimmer wurde es. Und ich dachte darüber nach. „Warum fällt es mir so schwer, ich zu sein, wo das doch eigentlich das Einzige ist, worauf es ankommt?“ Und plötzlich sah ich mich um und merkte, ich bin nicht die Einzige…. Die Spritzige, Schlagfertige verstummte und in ihren Augen sah ich: Unsicherheit. Vielleicht auch Überforderung.

Konnte es sein, dass sie sich gerade genauso fühlt wie ich? Wir schauen uns an. Ja es konnte.

Zumindest bin ich mir da ziemlich sicher. Wir alle haben mindestens zwei Seiten. Einige von uns (alle Alter-Egos eingeschlossen) auch mehr.  Wir sind beides. Ich bin beides. Ich bin ich. Und ich bin Frau Kakao, die ihre Meinung sagt, mal vorlaut mal lustig. Doch in einen riesigen Pool mit anderen kleinen und großen Insta-Fischen geworfen auch mal unsicher, gar sprachlos.

Und plötzlich fühle ich mich wieder wie der Teenager, der ausgegrenzt und gemobbt wird. Weil die Haare zu kraus, die Figur zu rundlich, die Haut zu unrein und die Brille hässlich ist. Weil die Klamotten nicht die richtige Marke haben und die Noten zu gut sind. Der Teenager, der alleine in der Ecke sein Pausenbrot isst… Aber hier grenzt mich niemand aus- nur ich selbst. Aus Angst, nicht zu genügen, „nicht richtig“ zu sein. Wer dieses Gefühl einmal erlebt hat, trägt es im Herzen oft ein Leben lang mit sich.

Und manche lösen sich davon, indem sie ein besonders extrovertiertes ICH erschaffen. Wir erschaffen unser Social-Media-Profil selbst. Eine Projektionsfläche für das, was andere in uns sehen wollen, wie wir selbst uns vielleicht gerne sehen. Je authentischer, umso erfolgreicher. Und gleichzeitig machen wir uns dadurch angreifbar, verwundbar. Gefällt das Profil nicht: klick, weg! So einfach. Doch je größer das Profil, umso mehr „Trolle“ tummeln sich dort. Menschen, denen es nicht reicht, einfach zu entfolgen. Nein, sie möchten verletzten, bloßstellen, kritisieren. Oft anonym. Und was vielen so erstrebenswert erscheint, ein „großes“ Profil mit vielen Followern und Fans zu haben, zeigt plötzlich seine Schattenseiten. Und statt der tausend positiven Kommentare, hämmern nur die drei negativen immer wieder im Kopf. Nicht bei mir- für Trolle bin ich glücklicherweise noch zu „klein“. Aber das habe ich an diesem Wochenende mehr als ein Mal hautnah mitbekommen. Und ja, mir würde es wahrscheinlich genauso gehen.

Und da machte es plötzlich „Klick“ in meinem Kopf. Das Podest, auf das ich andere gehoben habe, wird zu einer Bank, auf die wir uns gemeinsam setzen können.

In diesem Moment setzt sie sich tatsächlich zu mir, die Bloggerin, die ich ganz besonders gerne mag. Bisher nur virtuell. Und wir sprechen miteinander. Ganz unbefangen, ganz offen, auf Augenhöhe. Mit gegenseitigem Interesse und Wertschätzung. Und es gibt keinen Grund, etwas darzustellen- für keine von uns. Und sie erzählt von ihrem Unmut. Von anonymen Anfeindungen im Internet, dem Versuch alles „richtig zu machen“. Und ich denke: „Genau wie ich.“ Und ich merke, dass jeder seine Dämonen hat. Die einen erstellen anonyme Profile und beschimpfen damit erfolgreichere Blogger, vermutlich um nicht über ihre eigenen Enttäuschungen und Unzulänglichkeiten nachdenken zu müssen. Und die anderen bauen eine Schutzmauer, die sie diesen Anfeindungen entgegensetzen. Die sie aber gleichzeitig unnahbar und manchmal distanziert erscheinen lässt. Und dann höre ich aus ihrem Munde meine persönlichen Sätze des Abends:

„Du kannst es nicht jedem Recht machen. Darum hör‘ einfach auf Deinen Bauch.“

So einfach. Aber das ist genau das, was ich in diesem Moment gebraucht habe. Und ja, es war noch ein phantastischer Abend. Und ich merkte, ich muss mich nicht vergleichen. Wir machen alle unser Ding. Und „besonders“ wird es genau dadurch, dass man dahinter immer UNS erkennt. Menschen die liebenswert, echt und vielleicht auch manchmal ein bisschen unsicher sind. So wie ich. So wie Du vielleicht.

 



22 thoughts on “Digital wird real…und die Emotionen fahren Achterbahn”

  • Man man, du triffst damit genau ins Schwarze! Shit ey, für die Bundesjugensspiele sind wir alle doch eh schon viel zu alt, wa? 😉 Nächstes mal, wenn ein Gefühl der Unzulänglichkeit und Unsicherheit (war bei mir übrigens ganz genauso!) aufkommt, verpfeifen wir uns kurz nach draußen. Auf ’ne Runde Haare pflechten und Seele streicheln.
    PS: War toll, dich in live zu treffen. Bist ne ziemlich gute Type! 🙂

    • Wer hätte das gedacht! Ausgerechnet Du. Siehste mal, im Grunde sind wir doch alle gleich und doch verschieden. Danke für die Frisur 😉 war toll mit Dir. Schade, dass Ihr so früh gehen musstet.

  • Deine Worte sind so treffend! Genauso ging es mit am besagten Samstag! Aus meiner cooles wurde einfach Angst und Unsicherheit. Ich traute mich nicht wirklich die anzusprechen, die ich gerne ansprechen wollte. Sie könnten ja blöd von mir denken. Am Ende war ich stocksteif. Es freute mich übrigens sehr dich beim Speeddating kennengelernt zu haben!
    Einen lieben Gruß aus Ulm
    Karolina

    • Hallo Karolina,
      schön, dass Du schreibst. Ich hatte mir nämlich dummerweise Deinen Namen nicht notiert. Sehr schöner Blog! Irgendwie erleichternd, dass es Dir ähnlich ging 😉

  • Genau die, welche unter dem Deckmantel der Anonymität meine ihre Anfeindungen unters Volk streuen zu müssen, sind in meinen Augen die, welche wirklich arm dran sind. Sie werden nie das wohlige nervöse kribbeln und die Aufregung spüren, nie offen und vorurteilsfrei sich auf Begegnungen einlassen können, nie spüren wie gut es sich anfühlt jemand wirklich zu begegnen und sich an diesem Moment erfreuen. Denn ihr Bild setzt sich aus Mosaiksteinen von Momentaufnahmen und im Kopf selbst zusammengebastelter Charaktere zusammen und wird nie die Chance haben auf Augenhöhe revidiert zu werden. Da gelobe ich mir doch die auflockernde Wirkung von Prosecco und Gin, welche dazu beigetragen hat, dass aus anfänglicher Nervosität ein gelungener Abend im Kreise neuer und bekannter Gesichter geworden ist und das für einen Tag aus digital real wurde.

    • Das stimmt liebe Sabrina. Gin und Sekt für den Weltfrieden 😊👌 Tatsächlich muss man jemanden erst erleben, um ein Urteil fällen zu können. Wenn überhaupt! Und ich habe dort tatsächlich nur sehr, sehr nette Menschen kennengelernt. Manchmal stimmt die Chemie, manchmal eben nicht.
      Vielen lieben Dank für Deine Worte.

  • Du sprichst mir sowas von aus der Seele. Danke für diesen wundervollen Text! Am Ende sind wir einfach alle wir und genau richtig, wie wir sind. Solange wir uns unsere Offenheit gegenüber anderen bewahren, sitzen wir allesamt gemeinsam auf einer Bank und können einfach nur gewinnen.

    • Vielen lieben Dank für Deine Worte. Und es gibt da einen Spruch, der ist nicht neu aber er stimmt einfach „Sei Du selbst, alle anderen gibt es schon“

  • Toll geschrieben und ich weiß genau wie Du es meinst.Hinterher ärgert man sich oft,weil man sich wieder tausend Gedanken gemacht hat-unnötig, anstatt einfach nur zu genießen.Ich glaub ja fest daran,wer so tolle Texte schreibt ist auch im realen Leben genau richtig so wie sie ist!!!!!!!!!!

  • Liebste Joanna,
    ein toller Text und wirklich wahr. Ich denke einfach wir sind nicht alle immer so wie wie uns zeigen. Mit Sicherheit ist X oft schlagfertig und bringt viele zum lachen, ganz bestimmt ist Y selbstbewusst und alles vieles prallt an ihr ab. Aber einfach eben doch nicht IMMER ausnahmslos. X kann auch nicht über alles und jeden scherzen und vielleicht macht sie auch mal einen doofen Witz, auch wenn die anderen 99 super waren und Y hat eben auch irgendwo eine Achilesferse, einen wunden Punkt, an dem man sie treffen kann. So ist das, denn all diese Gesichter in den Bildschirmen sind Menschen. Das lustigste daran ist. Mir geht es ganz anders als dir, denn was ich mitgenommen habe und an wen ich mich erinnere waren die „normalos“ die netten, die etwas zurückhaltenden und bodenständigen. Das waren die Menschen, die mich beeindruckt haben : und du du gehörst dazu! Allerliebste Grüße von Nadja

    • Meine Liebe, du triffst den Nagel auf den Kopf. Dieses Gefühl, zu den coolen Kids dazugehören zu wollen, habe ich bei Instagram auch. Und weißt du was? Das ist mir verdammt peinlich. Ich bin eine gestandene junge Frau, hab ein tolles Kind, einen großartigen Mann und arbeite daran, noch einen Traumjob zu finden. Ich sollte mehr Achtung vor meiner bisherigen Leistung haben. Und was mach ich? Bin niedergeschlagen weil ich auf einer App nicht genügend Herzchen sammel. Total Balla! Wir sind wunderbar. Follower hin oder her!

      • Genau so isses! Wir alle machen uns manchmal wegen der falschen Dinge verrückt. Dabei sind die Menschen, die einem besonders am Herzen liegen gar nicht immer die Beliebtesten oder die mit den meisten Followern. Vielen Dank für Deinen Kommentar 😊

  • Wow mein Hase. Da hast du ganz tolle Worte gefunden. Ich würde dich gerne in den Arm nehmen und sagen, wie gern ich dich hab. Das weißt du. Du bist toll wie du bist. Und weißt du was, es gibt da jemanden der zu dir aufschaut. Weil du es schaffst Gedanken so gefühlvoll und ehrlich zu beschreiben. Sie reißen mich mit und füllen meinen leeren Tank auf. Dieser jemand bin ich. Du bist meine FrauKakao

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